🛹 DIE STUMMEN SCHREIE

🐚 Inhalt/Stil:  Das Tutsi-Mädchen Emma ist erst vier, als Männer in ihr Haus eindrin­gen und ihre Mutter ermor­den. Kurz vor der Tat, während die Männer noch mit ihren Knüppeln gegen die Haustür schla­gen, fleht die Mutter ihre Lange bleibt Emma in dem stillen Haus neben ihrer toten Mutter. Dann schafft sie es, nach draußen zu gehen und sich dem Flücht­lings­strom anzuschlie­ßen. Emma schläft im Gebüsch, am Straßen­rand, trinkt aus Pfützen. Geht immer weiter, bis sie eines Tages an die Tür einer alten Frau klopft, die sie trotz der Gefahr, die ihr dadurch droht (sie selbst ist eine Hutu) in ihr Haus aufnimmt.

2003. In Ruanda ist wieder Frieden einge­kehrt. Die Gefäng­nisse sind übervoll mit Kriegs­ver­bre­chern, aber auch Unschul­di­gen. Die Justiz kommt nicht nach, ordent­li­che Prozesse können kaum noch gewähr­leis­tet werden. Aus diesem Grund wird wieder auf die tradi­tio­nel­len Garcaca-Gerichte (Dorfver­samm­lun­gen) zurückgegriffen. 

Emma ist mittler­weile dreizehn, sie lebt noch immer bei der alten Bäuerin, die sie liebe­voll »Mukecuru« (Großmutter) nennt. Emma verkauft Obst auf dem Markt, denn Mukecuru möchte, dass das Mädchen einmal zur Schule gehen kann. Auf dem Markt treibt sich auch ein Junge mit knöcher­nen Beulen auf dem Kopf herum. Ndoli ist Tutsi, wie Emma. Als Sieben­jäh­ri­ger verriet er unter Folter das Versteck der Aufstän­di­schen, denen auch seine Eltern angehör­ten. 
Emma freun­det sich mit dem Jungen an, obwohl sie Mukecuru davor warnt. 
Elisa­beth Combres beschreibt auf knapp 120 Seiten das Trauma zweier Überle­ben­der des Genozids an den Tutis im Jahr 1994. Obwohl es sich nur um ein dünnes Buch handelt, gelingt es der Autorin in ihrer knappen, präzi­sen Sprache, nicht nur die geschicht­li­chen Hinter­gründe einzu­fan­gen, sondern vor allem aufzu­zei­gen, welche Spuren der Massen­mord hinter­las­sen hat – nicht nur bei den Opfern selbst, sondern auch bei jenen, die sich nicht an den Morden betei­ligt haben, die die alte Hutu-Frau, bei der Emma wohnt, und der man nun mit Misstrauen begegnet. 

Ermutigt durch einen Mann, der selbst Überle­ben­der der Verfol­gun­gen ist und den Jugend­li­chen bei der Aufar­bei­tung ihres Traumas hilft, beginnt Emma, über das Erlebte zu sprechen und sich den eigenen Gespens­tern zu stellen. Sie trägt sich schließ­lich in das Regis­ter der Überle­ben­den ein – denn nur so erhält sie die für die Opfer vorge­se­hene finan­zi­elle Unter­stüt­zung – und besucht ihr Eltern­haus.
Combres entlässt die jugend­li­chen Leser:innen mit einem Epilog, der – und das ist gerade in der Jugend­li­te­ra­tur so wichtig! – ein Weiter­le­ben zeigt. Emma ist nun Lehre­rin, sie wohnt in ihrem ehema­li­gen Eltern­haus. Und auch Ndoli geht es besser, denn er hat begrif­fen, dass er den Tod seiner Eltern und Geschwis­ter ohnehin nicht hätte verhin­dern können.

💬 Meine Meinung: Gerade in Zeiten, in denen flüch­tende Menschen unser Land errei­chen, in einer Zeit, in der zwischen »weißen« und »schwar­zen« Flücht­lin­gen unter­schie­den wird, kann dieses Buch helfen, das Verständ­nis für Flüch­tende aus dem afrika­ni­schen Raum zu fördern. Denn anders als bei Dokumen­ta­tio­nen, in denen uns die Menschen nicht wirklich nahe kommen, schlüpft man in der Litera­tur in die Charak­tere selbst – und so nimmt man ein Stück von Emma und Ndoli in sich auf.

💥Warnung: “Die stummen Schreie” ist ein Buch, das ich als Lektüre unbedingt empfehle – aller­dings rate ich Eltern, die Geschichte selbst zu lesen, um danach für eine Diskus­sion zur Verfü­gung zu stehen, denn es werden Fragen kommen, mit denen Jugend­li­che nicht allein gelas­sen werden sollten. Schon gar nicht, wenn sie erst 12 oder 13 sind. 

📚 Stadt­bi­blio­thek Graz

Titel: Die stummen Schreie 
Autorin: Elisa­beth Combres
Überset­zung: Aus dem Franzö­si­schen von Berna­dette Ott.
Verlag:Boje
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2010
ISBN: 973–414-82119–2
Seiten:128
Alter: ab 12

Kommentar verfassen