📘 KURZEN­BACH

Gelun­gene Heimatsatire

❀  Wolfgang KĂŒhn kenne ich schon eta 12 Jahre – einer­seits durch seine TĂ€tig­keit bei der Litera­tur­zeit­schrift DUM, deren GrĂŒnder er ist, anderer­seits durch seine Dialekt­ge­dichte und ‑lieder. Kurzen­bach ist sein erster Roman, und als er in unserem BĂŒro herein­flat­terte, habe ich mich sofort fĂŒr die Rezen­sion gemeldet. 

🔖 Inhalt: Lambert Zuser ist seit 25 Jahren BĂŒrger­meis­ter von Kurzen­bach, einem kleinen, verschla­fe­nen Ort, in dem man stolz auf seinen Wein ist. Aber was hat man schon vom Stolz, wenn die Tourist*innen ausblei­ben, weil die Gastro­no­mie fehlt und die Jungen fortzie­hen?
Deswe­gen kommt es Zuser nur gelegen, als – knapp vor der Wahl – plötz­lich alle etwas von ihm wollen. Zuerst bittet ihn der Jungwin­zer Hamme­rer, den Außen­be­reich seiner Buschen­schank vergrĂ¶Â­ĂŸern zu dĂŒrfen, und dann hat auch noch die aus Salzburg zugezo­gene KĂŒnst­le­rin Anna-Lena Wajgl eine Idee: Sie möchte ihre moderne Skulp­tur “Per aspera ad astra” am Haupt­platz aufstellen â€Š

Norma­ler­weise schĂ€tzt Zuser VerĂ€n­de­run­gen ja nicht. Aber er weiß: Wenn er den Rekord brechen und am lĂ€ngs­ten amtie­ren­der BĂŒrger­meis­ter von Kurzen­bach werden will – und das will er unbedingt! – dann muss er sich anstren­gen. Vor allem jetzt, da die Absolute wackelt, denn der Weber, der sein CafĂ© (inklu­sive Fremden­zim­mer!) ausbauen möchte, kandi­diert fĂŒr die Roten, Gemein­de­arzt Czulak (Zusers ehema­li­ger Kontra­hent) hat jetzt eine eigene Liste gegrĂŒn­det und seine, Lamberts, eigene Tochter (dieses undank­bare Balg!) ist plötz­lich Spitzen­kan­di­da­tin der GrĂŒnen und macht sich fĂŒr den Schutz der Biber, die in Kurzen­bach zu einer echten Plage gewor­den sind, stark. 
Als schließ­lich ein gewis­ser Miros­lav Antic von der geheim­nis­vol­len „Market Center Group“ auf der BildflÀ­che erscheint und Zuser bittet, das brach liegende Grund­stĂŒck, auf dem jedes Jahr das Wiesen­fest statt­fin­det, in Bauland umzuwid­men, um in Kurzen­bach ein Einkaufs­zen­trum zu errich­ten (ganz nach dem Motto: “FAHR NICHT FORT, KAUF IM ORT!”), wittert der BĂŒrger­meis­ter seine Chance. Damit seine PlĂ€ne am Wahltag aufge­hen, muss er jedoch noch seinen Angler­freund Rudi Wasitzky um Unter­stĂŒt­zung bitten â€Š

💬 Meine Meinung:  Heimat-und-Politik-Satiren leiden bekannt­lich allzu­oft unter dem Schen­kel­klop­fer-Syndrom. Nicht so “Kurzen­bach” – was vor allem daran liegt, dass KĂŒhn seine Figuren ernst nimmt und in keinem Moment (selbst in ihrem peinlichs­ten nicht) vorfĂŒhrt.
»Rudi Wasitzky galt als gemĂ€ĂŸig­ter Freiheit­li­cher, einer vom alten Schlag. Zum Zweiten Weltkrieg Ă€ußerte er sich nicht, gelegent­lich, nach ein paar Spritz­wei­nen, erzĂ€hlte er harmlose Juden­witze, wie er gerne betonte, aber mit den Burschen­schaf­ten hatte er nichts am Hut«, heißt es etwa ĂŒber Zusers Angler­freund. KĂŒhn hĂ€tte den Freiheit­li­chen diesen Witz auch direkt erzĂ€h­len lassen können. Dass er es nicht tut, macht dieses Buch so fein. 
Und Lambrecht Zuser selbst? Den hat man am Ende sogar irgend­wie lieb. KĂŒhn zeigt uns den amtie­ren­den BĂŒrger­meis­ter nĂ€mlich nicht nur als zu dicken, chole­ri­schen Politi­ker, der die ZĂŒgel nicht aus der Hand geben möchte, sondern auch als schĂŒch­ter­nen Bub aus dem Mostvier­tel, der es spĂ€ter seinen Schwie­ger­el­tern nie recht machen wird.
Es sind die knappen AusflĂŒge in die nahe und fernere Vergan­gen­heit, in Zusers Kindheit, aber auch an den Beginn der Biber­plage, die dem Roman Tiefgang verlei­hen. Denn sie lassen erahnen: Nicht nur jede Medaille, auch jeder Mensch hat zwei Seiten – auch wenn wir manch­mal nur eine von ihnen sehen möchten. 
Schluss­end­lich schafft KĂŒhn es, dass wir Lesende nicht nur Zusers Motive nachvoll­zie­hen können, sondern selbst den Ärger der nieder­ös­ter­rei­chi­sche Landes­haupt­frau, die mit ihren BĂŒrger­meis­ter­kan­di­da­ten ganz schön zu kĂ€mpfen hat.


Fazit: Kurzen­bach ist eine gelun­gene Heimat­ro­man-Satire, die zwar so manche LachtrĂ€ne hochstei­gen lĂ€sst, jedoch an keiner Stelle plump wirkt. Klischees werden erfĂŒllt, so wie sie das Leben erfĂŒllt, jedoch nicht ĂŒberstra­pa­ziert.  
Vor allem jene, die selbst in kleinen Gemein­den wohnen, werden vieles wieder­ken­nen und ihren beson­de­ren Spaß mit dem Roman haben. Und den 100%-Wiener*innen sei an dieser Stelle gesagt: Es gibt sie wirklich, diese Kurzen­bachs. O ja, und wie es sie gibt!
Ein beson­de­res Zuckerl, das dieses Buch bietet: Die Menschen reden, wie ihnen der Schna­bel gewach­sen ist, nÀmlich im Dialekt!

📘 Rezen­si­ons­ex­em­plar   đŸ–„ Diese Rezen­sion erschien auf dem NEIX-Blog auf www.oeda.at sowie in gekĂŒrz­ter Form in 🗞 & Radies­chen – Zeitschrift fĂŒr Literatur

Titel: Kurzen­bach – Flach­land-Saga
Autor: Wolfgang KĂŒhn
Genre: Roman (Heimat­sa­tire)
Verlag: Biblio­thek der Provinz
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022 
ISBN: 978–3‑99126–006‑6   
Seiten: 288
> Link zum Verlag und zur Leseprobe

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