📙 ES IST SCHON FAST HALB ZWÖLF

Briefe aus 1938–45

 Ich mag Zdenka Beckers Romane sehr – deswe­gen stand das Buch auf meiner Geburts­tags­wunsch­liste 

🔖 Inhalt/ Stil:  Hilde kümmert sich liebe­voll um ihren an Demenz erkrank­ten Mann Karl, mit dem sie 70 Ehejahre verbin­den. Kurz vor ihrem Umzug ins Alters­heim bittet sie Markus, den Zivil­die­ner, ihr die Kiste mit den alten Briefen vom Dachbo­den zu bringen. Denn Hilde hütet ein Geheim­nis, von dem selbst Karl nichts weiß – aber an dieses muss sie sich erst langsam heran­tas­ten …
Zdenka Becker ist passiert, was wohl der Traum vieler Schriftsteller*innen ist – sie fand tatsäch­lich mehr als 500 Briefe und fast genauso viele Postkar­ten auf dem Dachbo­den ihres Hauses. Aus diesem echten Brief­ver­kehr webte sie die Geschichte rund um Hilde und Karl – jenem Ehepaar, das während der Kriegs­jahre getrennt vonein­an­der lebt, denn Karl arbei­tet, da er zu Hause keine Arbeit fand, bei den Daimler-Werken in Ludwigs­felde, während Hilde – bis auf eine kurze gemein­same Zeit in Berlin, in der auch ihre Tochter zur Welt kommt – in Fisch­bach bleibt.Die Briefe und Postkar­ten lassen uns Lesende nachvoll­zie­hen, wie es den beiden jungen Menschen in den Jahren 1938–1945 geht. Man merkt schon früh, dass Hilde alles andere als begeis­tert von diesem Hitler und seinen Erobe­rungs­feld­zü­gen ist, dennoch fügt sie sich, denn sie möchte eine brave Ehefrau für ihren Karl sein, der in den ersten Kriegs­jah­ren noch überzeug­ter Anhän­ger des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist. 
Doch das Leben in Ludwigs­felde ist kein leich­tes, Karl arbei­tet viel, ist oft krank und vor allem viel zu dünn. Hilde wiederum muss mit der Schwes­ter den heimat­li­chen Hof bewirt­schaf­ten, die Verant­wor­tung für die Landwirt­schaft, die geerbte Bäcke­rei und die Kinder wird den beiden bald zu viel. Als dann auch noch das Holz für den Winter ausgeht, nimmt das Schick­sal seinen tragi­schen Lauf …
Je weiter die Zeit voran­schrei­tet, desto mehr Unaus­ge­spro­che­nes schwingt in den Briefen der beiden Lieben­den mit – vor allem, als Karl nach der Verle­gung der Daimler-Werke den Zwangs­ar­bei­tern aus dem KZ Neckar­elz begeg­net. Zdenka Becker hebt diese Fäden behut­sam auf und ergänzt nur sehr behut­sam an einigen Stellen.

💬 Meine Meinung:  „Es ist schon fast halb zwölf“ ist eine unglaub­lich schöne, zarte und zugleich erschüt­ternde Geschichte eines jungen Ehepaa­res, das vonein­an­der getrennt leben muss, weil die Zeiten es nicht anders zulas­sen. Eine Geschichte zweier Menschen, die beide eine Schuld in sich tragen. Eine Schuld, die sie ihr ganzes Leben lang belas­tet und über die sie mitein­an­der nie gespro­chen haben – aus Angst, einan­der zu viel zuzumu­ten.
Am Ende stellt sich Hilde der eigenen Vergangenheit.„Hast du verstan­den, was ich dir gerade erzählt habe?“, fragt sie Karl, worauf dieser antwor­tet: “Ja, immer.”

P.S: Das Buch hat mir übrigens so gut gefal­len, dass ich es dann selbst gekauft hab, um es meiner Mutter zum Mutter­tag zu schen­ken. Und ihr hat’s dann auch unheim­lich gut gefallen!


🗞 rezen­siert für & Radieschen–Zeitschrift für Litera­tur
(Blog)

📘 Es ist schon fast halb zwölf
Autorin: Zdenka  Becker
Verlag: Amalthea
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022
ISBN: 978–3‑99050–220‑4
Seiten:256
» Verlag / Leseprobe

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