🛹 UNGEBREMST

Wenn der Rollstuhl zum Skate­board wird

Ruth Anne Byrne ist eine Meiste­rin, wenn es darum geht, auf sehr wenigen Seiten unheim­lich rasante, leben­dige Texte für junges Publi­kum zu schrei­ben.
Das weiß ich, weil ich ihre (teils noch in Arbeit befind­li­chen) Geschich­ten nun schon eine Weile kennen­ler­nen darf. 
Vor kurzem ist nun ihr – von uns schon ungedul­dig erwar­te­tes – Buch “Ungebremst” bei Tulipan erschienen.

🐚 Inhalt:
Nina sitzt nach einem Reitun­fall im Rollstuhl. Seitdem hat sich nicht nur ihr eigenes Leben verän­dert, sondern auch das ihrer Eltern und ihres Bruders. Vor allem Frau Sprung, Ninas Mutter, macht sich Sorgen. Perma­nent will sie der Tochter helfen, sei es beim Anzie­hen der Hose oder auch beim Überwin­den einer Gehsteig­kante. Vor allem aber sammeln sich in Frau Sprungs Augen ganz schnell Tränen. Zum Beispiel, wenn jemand fragt, ob Nina wieder wird gehen können.

Auch an der neuen, barrie­re­freien Schule hat es Nina nicht leicht. Ihr skaten­der Klassen­kol­lege Fabian und sein Freund Max albern nur allzu gern auf der Rollstuhl­rampe rum und machen sich in jeder nur mögli­chen Situa­tion über Nina lustig. Zwar hat Nina eine beste Freun­din (Fiona,), die immer zu ihr hält, auch wird sie von Daniel beschützt – aber wer freut sich schon darüber, wenn der große Bruder den Bodyguard mimt? Viel lieber würde Nina sich selbst wehren. Eines Nachmit­tags – Nina und Daniel sind gerade beim Basket­ball­spie­len – läutet es an der Tür. Und wer steht da? Fabian, der Coole, der Mädchen­schwarm. Der Nina um ihr Mathe­buch bittet, weil er seines in der Schule verges­sen hat. Schuld an Fabians Auftau­chen ist Fabians Mutter, die Frau Sprung von der Arbeit kennt. Und Ninas Mutter hat natür­lich keine Ahnung, dass der Sohn ihrer Kolle­gin ihre Tochter mobbt.
Fabian steht also auf einmal neben Nina. Und verliert dann auch gleich mal gegen sie beim Basket­ball. Und dann auch noch beim Armdrü­cken. Denn starke Arme hat Nina, allein schon vom Pushen (so nennt man das Drehen der Greif­rä­der nämlich.)
Mit wachsen­dem Respekt gesteht sich Fabian ein: So lahm ist sie gar nicht, die Sprung.

Fabian ist es dann schließ­lich auch, der Nina das Video von dem Rollstuhl-Typen im Skater­park zeigt. WCMX nennt sich die Sport­art – Wheel­chair Motocross. Und Nina weiß sofort: Das will sie auch probie­ren. Nicht, um die Beste darin werden, sondern um ein paar Kniffe zu lernen, die ihr dabei helfen sollen, etwa die Haydn­gasse ohne Hilfe zu meistern. Dort gibt es nämlich Stufen – und genau diese Stufen verhin­dern, dass Nina den Weg zur Schule alleine schafft.
Ruth Ann Byrne erzählt die Geschichte eines querschnitt­ge­lähm­ten Mädchens, das um mehr Unabhän­gig­keit und Selbst­be­stim­mung kämpft. Dass die Autorin ihre Protago­nis­tin dabei auf die Skater­bahn schickt, macht dieses Buch so wahnsin­nig cool. 
Und genauso rasant wie die Fahrt ist dann auch die Handlung. Denn Ninas Eltern dürfen natür­lich nichts von Ninas heimli­chen Ausflü­gen in den Skater­park wissen.

💬 Meine Meinung:
Auf nur 180, recht groß geschrie­be­nen Buchsei­ten, in denen nur die wichtigs­ten Momente heraus­ge­pickt werden (das Dazwi­schen fasst die Autorin nur soweit zusam­men, als es wirklich wichtig ist), agieren und kommu­ni­zie­ren die Teenager derart authen­tisch, dass man das Gefühl hat, mit dabei zu sein. 
Und ja, natür­lich geht es auch um das erste Verliebt­sein. Und um Freund­schaft – mit all ihren Höhen und Tiefen. Denn in erster Linie ist Nina Teenager.
“Ungebremst” erzählt aber auch von Solida­ri­tät. Denn dass Nina am Ende sogar bei einem WCMX-Wettbe­werb teilneh­men kann, hat sie vielen zu verdan­ken – allen voran ihren besten Freun­den und ihrem Bruder Daniel.

Wäre ich noch Hortpäd­ago­gin – ich würde mir meine Gruppe sofort schnap­pen, einen Skater­park aufsu­chen und danach begin­nen, gemein­sam in “Ungebremst” zu lesen.

Notiz am Rande: Was es auch für Ninas Eltern heißt, plötz­lich eine behin­derte Tochter zu haben – nicht nur in psychi­scher, sondern auch in finan­zi­el­ler Hinsicht (vom Wohnort­wech­sel bis zum heiß ersehn­ten Rollstuhl­mo­dell, das die Kranken­kasse nicht finan­ziert) – erzählt Ruth Anne Byrne ganz neben­bei, in wenigen Sätzen, ohne sich erzähl­tech­nisch auch nur einen Schritt von Nina zu entfer­nen. Da steht einem als Autorin schon ein bisschen der Mund offen.

P.S. Die Autorin kenne ich persön­lich – aber hätte mir ihr Buch nicht gefal­len, hätte ich es hier ganz einfach nobel verschwie­gen. Dafür gibt es jedoch absolut keinen Grund!

📚 Stadt­bi­blio­thek Graz  
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Titel: Ungebremst
Autorin: Ruth Anne Byrne
Verlag: Tulipan
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022
ISBN: 978–3‑86429–541‑6
Alter: ab 10
Seiten: 184   
» Verlag / Leseprobe

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