📘 ZEBRA IM KRIEG

Titel: Zebra im Krieg
Autor: Vladimir Vertlib

“In einer schwarz-weißen Welt wird ein Zebra zum Fetisch”

Vladimir Vertlib ist schon sehr lange ein von mir sehr geschätzter Autor. 

🔖 Inhalt: Nach der Corona-Krise. In einer namenlosen Hafenstadt, in der Paul Sarianidis mit seiner zwölfjährigen Tochter Lena, seiner Frau Flora (einer Spitalsärztin) und seiner ewig grantelnden Mutter lebt (in einem Land, in dem es einmal eine pinkfarbene Revolution gab und in der nicht wenige Eltern in den 90ern und 2000ern dem organisierten Verbrechen angehörten, während andere ihr Geld als Prostituierte in Westeuropa verdienten), findet gerade eine „erweiterte Polizeiaktion gegen Terroristen“ statt. Krieg ist es offiziell keiner, wenngleich jede Nacht Raketen den Himmel erleuchten, Kanonen auf die Stadt gerichtet sind, die Zufahrtsstraßen gesperrt und die Versorgung knapp ist.

Paul, eigentlich Flugzeugtechniker, ist arbeitslos, denn vom Flughafen ist nicht mehr viel übrig. In den Nächten, in denen seine Frau und ihre Kolleg:innen entscheiden müssen, wen von den Verwundeten sie operieren und wen nicht, versucht Paul, die Angst seiner Tochter zu bannen. Und auch seine eigene.
Doch dann, eines morgens, schweigt der Krieg, der kein Krieg sein darf. Die Rebellenarmee hat die Stadt eingenommen, die Bevölkerung ist sich uneins, ob sie nun befreit oder besetzt wurde. An eben diesem Morgen klopft es an Pauls Tür. Er wird verhaftet und abgeführt.
Ein Missverständnis? Nein. Denn der arbeitslose Paul, der auf Seiten der Regierung steht, verbringt viel Zeit auf Facebook, wo er sich über diejenigen ärgert, die die offiziellen Medien als Lügenpresse bezeichnen und im Gegenzug jeden Topfen glauben, der in den social media verbreitet wird. Mit seinen Kommentaren versucht Paul gegenzusteuern, doch er hat keine Chance. Selbst seine Repliken, an denen er stundenlang feilt und die er sogar mit Quellen belegt, werden von seinem Feind Lupowitsch binnen Minuten abgetan. Paul wird zum Troll der imperialistischen USA erklärt, er sei der Diskussion weder intellektuell noch charakterlich gewachsen, heißt es. Und da platzt Paul der Kragen …
Ausgerechnet diese Hassrede wird ihm jetzt zum Verhängnis. Denn der Rebellenführer Boris Lupowitsch hat nun das Sagen und rächt sich an Paul, indem er den um sein Leben Bettelnden und sich in die Hose Pissenden auf Video aufnimmt und ins Netz stellt. Und das ist erst der Anfang von “Zebra im Krieg”.

Vertlib zeigt in seinem Roman eine Stadt im Ausnahmezustand. Beklemmende Bilder sind das. Von Menschen, die auf der Straße hingerichtet werden. Von Straßenhunden im Gouverneurspalast, die von “El Cadaver” erschossen werden, und von denen es heißt, mit den Migranten müsse man es genauso machen. Von einem wütenden Mob, der Paul und eine stadtbekannte Regisseurin in der Biotonne entsorgt (denn dort gehört er hinein, der menschliche Müll). Von der Verhaftung der jüdischen Nachbarn und von Gerichtsurteilen, die das Volk selbst übernimmt – mitvoten kann man über Dienste wie Signal oder WhatsApp oder auch eine ganz normale Telefonleitung. Denn die Rebellen, die nun an der Macht sind, reinigen die Stadt “mit dem eisernen Besen der Gerechtigkeit” und der “Lauge des sozialen Gewissens”.
Und das Zebra? Das kommt vom ausgebombten Zoo, steht mitten auf der Kreuzung und sieht dem Geschehen augenscheinlich unberührt zu.

💬 Meine Meinung:

 “Zebra im Krieg” ist eine Persiflage auf den Ukraine-Konflikt (erschienen 9 Tage vor dem 24. März 2022), aber nicht nur. Der Roman ist vor allem eine Mahnung an unsere Gesellschaft. Denn Bürgerkriege finden heutzutage im Netz statt – und das manchmal schon sehr lange bevor auf den Straßen geschossen wird.
Dennoch liest sich der Roman hochkomisch. Es ist ein rasanter Irrgang durch diese Stadt, in der immer wieder auch die komischsten Dinge passieren. So wird etwa ein korpulenter, kurzatmiger österreichischer Fernsehreporter von einem Krokodil gefressen …
Vor allem aber liebt man diesen Paul. Nicht nur, weil er seiner Tochter die Geschichte von Sodom und Gomorra so erzählt, wie man sie noch nie gehört hat – Gott taucht vor Loths Frau als brennender Staubsauger auf –, sondern auch, weil Paul versucht, das Richtige zu tun. Auch wenn er dafür am Ende wieder bestraft wird …

Ein Buch, das amüsiert und schockiert zugleich und das man zwischendurch immer wieder mal weglegen muss. Um zu verschnaufen. Und um nachzudenken. (Oder auch, um sich selbst an der Nase zu nehmen, nur ja nicht wieder in dieses Kommentarkasterl zu schreiben. Denn ich gebe zu: 2015 ging’s mir ein bisserl wie Paul …)

Rezensiert auf dem Blog von & Radieschen – Zeitschrift für Literatur
Das Buch habe ich mir von der Onleihe der AK Bibliothek ausgeborgt. 

Titel: Zebra im Krieg
Autor: Vladimir Vertlib
Genre: Roman (Dystopie)
Verlag: Residenz
Publikationsjahr: 2022
ISBN: 9783701717521  
Seiten: 288
> Link zum Verlag und zur Leseprobe

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