💨 WIE STRICK ICH MIR EIN DICKES FELL

Ratge­ber für Dünnhäutige

❀ In letzter Zeit habe ich ein Buch beson­ders oft empfoh­len – und das ist ausge­rech­net ein rosa Ratge­ber für Frauen … 

Gelesen habe ich dieses Buch während meiner Busfahrt von Graz nach Wien, vor zwei Monaten, nachdem ich (es ging um Honorare für Schrift­stel­le­rin­nen) als kapita­lis­tisch und einge­bil­det bezeich­net worden war und mich, statt das Gespräch höflich abzubre­chen, wieder zu recht­fer­ti­gen begon­nen und mich danach auch noch stunden­lang geärgert hatte (und das ausge­rech­net am Geburts­tag meines Mannes.) 
Aber jede Situa­tion hat bekannt­lich auch ihr Gutes. Denn ohne dieses mühsame Telefo­nat und meinen anschlie­ßen­den Ärger (und meine Selbst­zwei­fel) hätte ich nicht die Libby-App geöff­net und nach einem passen­den Buch gesucht. 

(Was mir beim Stöbern im Biblio­theks­ka­ta­log auffiel? Es gab zwar wahnsin­nig viele E‑Books zum Thema – aber jedes einzelne war gerade ausge­lie­hen, viele davon sogar mehrmals vorbestellt.) 

Dass ich mich  ausge­rech­net für dieses Buch entschied, hatte 3 Gründe. 
1) Der Titel sprach mich spontan an
2) Die Leseprobe zeigte ganz klar, dass es sich nicht um einen der üblichen “Blabla-1000-Fallbe­schrei­bungs-Ratge­ber” handelt
3) Das Buch stand in wenigen Tagen zur Verfügung. 

Zurück zu meiner Fahrt nach Wien (das war 4 Tage nach dem Vorfall und der Ärger saß mir, wie ich zugeben muss, noch immer in den Knochen, da dem Gespräch ein mühsa­mer E‑Mail-Verkehr gefolgt war). 
Nach drei Stunden Busfahrt hatte ich das Buch zu drei Vierteln durch – und schon allein durchs Lesen und Notizen-Machen ging es mir besser. In Wien habe ich dann auch gleich mit dem “Diaman­ten-Sammeln” begon­nen (klingt jetzt wahnsin­nig kindisch, tut aber wirklich sowas von gut!)

Und nach meiner Rückkehr, als mir mein Perfek­tio­nis­mus wieder im Weg stand und mir einre­den wollte, nicht gut genug zu sein, habe ich ihn mir – wie im Buch vorge­schla­gen – als hässli­che Gouver­nante vorge­stellt, mich höflich von der runzli­gen alten Dame mit dem Dutt und den grauen Nylon­strümp­fen verab­schie­det und Feier­abend gemacht.  Und was ist passiert? Gar nichts. Oder doch: Ich wurde für meine Arbeit sogar gelobt. (Gut, daran war natür­lich schon ein bisschen die alte Gouver­nante schuld. Aber seit ich sie am oberen Bildschirm­rand sitzen, mit den grauen Nylon-Beinen baumeln und streng durch ihre Brille schauen sehe, unter­halte ich mich manch­mal ganz nett mit ihr. Und manch­mal werde ich schon richtig frech ihr gegenüber.)

Ach ja. Und ich habe einen Buchblog gestar­tet. Nämlich diesen hier. Wollte ich eigent­lich schon 2009 machen. Aber damals dachte ich: Ach nein, du bist doch keine Litera­tur­kri­ti­ke­rin, wer gibt dir das Recht dazu? Da lachen sich doch alle kaputt. Und später dann, als immer mehr Buchblogs im Inter­net rumschwirr­ten, dachte ich: Ach was, gibt eh schon Blogs wie Sand am Meer, wer braucht da noch einen mehr … 

Es gibt wohl immer eine Ausrede, nicht zu tun, worauf man Lust hat. Die schlimmste und häufigste: “Was werden die anderen sagen?” Also lassen wir es lieber und tun schön brav, was die Welt von uns verlangt. Wir nehmen Aufträge an, die zu wenig Geld einbrin­gen und keinen Spaß machen (weil wir nicht Nein sagen können). Wir überneh­men die Arbeit eines Kolle­gen / einer Kolle­gin, obwohl wir ohnehin schon überar­bei­tet sind (weil ein Nein egois­tisch wäre). Wir besuchen Verwandte, die uns dann vielleicht auch noch vorschrei­ben, wie wir zu leben haben – weil wir uns nicht trauen, denen endlich mal (wenn auch höflich) die Meinung zu geigen … 

Wie man sich ein dickes Fell strickt? Masche für Masche, Reihe für Reihe. Neu ist das Rezept nicht, denn es geht natür­lich ums Abgren­zen und Nein-sagen-Lernen. Ums Um-Hilfe-bitten-ohne-sich-zu-schämen. Darum, sich nicht perma­nent für sein Tun oder Nicht-tun zu recht­fer­ti­gen. Darum, dass man es aushält, wenn man selbst wieder mal Blödsinn von sich gegeben hat und nicht vor Scham im Boden versin­ken möchte. Darum: aufrecht durchs Leben zu gehen und sich nicht kleiner zu machen als man ist. Und wenn das Kopfkino wieder anfängt? Wenn wieder mal die Angst vor dem, was alles passie­ren könnte, die Kontrolle übernimmt? Dann verrät Anke Precht ein paar Tricks, wie frau es schafft, diesen Film zu stoppen. Dafür gibt’s nämlich eigene Akupres­sur-Punkte. Oder einfach den Trick, STOPP zu sagen, sich umzuschauen, zu sehen, zu spüren, zu hören und sich auf das, was gerade ist, zu konzen­trie­ren. Bei mir wirkt das ganz gut!

Was ich beson­ders schön an dem Buch finde: Es ist für starke Frauen von heute geschrie­ben. Für jene, die mit beiden Beinen im Leben stehen und ihren Weg gehen. Frauen, die von anderen vielleicht sogar für ziemlich tough gehal­ten werden. Die aber selbst merken: Ein bisschen ein dicke­res Fell würde mir schon guttun. 

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Titel: Wie strick ich mir ein dickes Fell?
Autorin: Anke Precht
Verlag: Trias 
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2019
ISBN: 978–3‑4321–0989‑3
Seiten: 156
> Verlag / Leseprobe

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