📘 VOX

Titel: VOX
Autorin: Christina Dalcher

 Dieses Buch hat mir während meines Writer-in-Residence-Aufenthaltes in Pančevo eine dort lebende Engländerin (die ehemalige Englischlehrerin eines serbischen Lyrikers, mit dem ich mich angefreundet hatte) in die Hand gedrückt. Und zwar mit den Worten: “Es ist zwar nicht grad gute Literatur, aber das Thema hat mich echt gepackt.” Nun, wenn sich eine Englischlehrerin in Anwesenheit ihres ehemaligen Schülers, der mittlerweile ein paar Lyrikpreise eingeheimst hat, für ihre Lektüre entschuldigt, dann hat das nicht viel zu bedeuten. (Dachte ich.)

Begonnen habe ich VOX also in der Originalsprache, an einem Wochenende in Pančevo, an dem ich krank im Bett lag (das Wetter war einen Monat lang beschissen kalt und total verregnet – und weil es Mai war, funktionierte auch die verdammte Fernwärme der Stadt nicht mehr.)Dank Fervex (einer in Serbien erhältlichen Brause gegen Erkältungen) ging es mir jedoch schnell wieder besser, und so landete das Buch bald am Nachkasterl und blieb dort liegen. (In Serbien hat man nicht viel Zeit für sich, schon gar nicht, wenn alle wissen, dass du nicht ewig bleibst).

Seitdem sind 3 Jahre vergangen. (Wie die Zeit rast!) Dazwischen lag eine Pandemie und das schwarz-rote, schon etwas ramponierte Buch wartete geduldig in meinem Buchregal auf mich. Ich wusste, irgendwann will ich weiterlesen – allein schon, weil F. es mir in die Hand gedrückt hat. Aber ich gebe zu: Ich lese nicht mehr gern auf Englisch. Ich hasse es nämlich, wenn ich auch nur ein einziges Wort nicht verstehe (ich bin da ein bisschen ein Nerd – mit 20 konnte ich noch perfekt Englisch, heute strengt es mich zu sehr an.)

Kurz und gut: Ich habe mir die deutsche Ausgabe aus der Bücherei geholt. Dass ich mich ausgerechnet jetzt an den Roman erinnert habe, hat mit meinem Thema zu tun – im Moment beschäftige ich mich mit Sekten, Verschwörungstheorien, rechte Gruppierungen und das Kippen in Diktaturen. Dazu passte das Buch gut.

🔖 Inhalt: Nach der Machtübernahme von Präsident Bob Myers haben die Reinen das Sagen. Allen voran Reverend Carl Corbin, der dafür sorgt, dass Frauen und Mädchen nicht mehr als 100 Wörter pro Tag sprechen. Überwacht wird dies mittels eines “Armbandes”, das bei Übertreten Stromimpulse aussendet – anfangs noch schwache (die es auch in sich haben), dann immer stärkere. Auch lesen dürfen die Frauen (fast) nichts mehr, Bücher werden weggesperrt, alles, was bleibt, sind die Zutaten auf der Ketchupflasche und Werbung. 

Auch aus dem Berufsleben wurden die Frauen verbannt. (Wenngleich nicht ganz. Denn die niederen Arbeiten sowie Prostitutionsdienste müssen unverheiratete Frauen übernehmen. Homosexuelle wurden in Straflager verbannt, wer sich nicht an die Gesetze hält wird abgeführt und im Fernsehen bloßgestellt).

Dr. Jean McClellan, Neurowissenschaftlerin und Spezialistin für die Wernicke-Aphasie sowie Mutter von vier Kindern darf ihr Labor seit einem Jahr nicht betreten, sondern schupft nun den Haushalt (wenngleich nicht perfekt, denn immer wieder vergisst sie, die Milch zu kaufen). Jeans Mann Patrick arbeitet für die Regierung. Nicht, dass er okay findet, was passiert, aber Patrick schweigt. Da Jeans Gehalt fehlt, muss Patricks Gehalt ausreichen (weswegen der kaputte Ventilator trotz Hitze vorerst nicht repariert wird.)

Als der Bruder des Präsidenten sich am Kopf verletzt und ausgerechnet die Wernicke Region betroffen ist, wird Jean “gebeten”, ihre Forschungsarbeit (sie hat mit ihrem Team an einem Serum gegen die Wernicke Aphasie gearbeitet) wiederaufzunehmen.
Im Labor trifft Jean auf ihren ehemaligen Kollegen und heimlichen Liebhaber Lorenzo, von dem sie schwanger ist. 

Während Jean ihren Patrick mit Lorenzo betrügt und dann auch noch Patricks Safe öffnet (weil geheime Regierungsunterlagen, die mit dem Wernicke-Projekt zu tun haben, darin liegen), hat Jeans Sohn Steven (der von den Lehren des Reverend neuerdings sehr angetan ist) seinen ersten Sex mit Julia. Und weil es Mädchen strikt verboten ist, die armen unschuldigen Jungs zu Sex vor der Ehe zu verführen, zeigt Steven seine Freundin kurzerhand an (nachher tut es ihm dann aber wieder leid, weswegen er sich auf die Suche nach ihr macht – und dass das keine gute Idee ist, ahnt man schon …)

💬 Meine Meinung: Anfangs war ich sehr von diesem Roman begeistert. Er war flüssig und gut geschrieben, und das Thema hatte es auch in sich (wie F. prophezeit hatte). Zumal Dalcher zu Beginn viel über die Freundschaft zwischen der jungen Studentin Jean und ihrer feministischen Mitbewohnerin Jackie erzählt. Eine Freundschaft, die daran zerbricht, dass Jean keine Lust mehr hat, Jackie auf Demonstrationen zu begleiten. Weil sie Jackies Aufregung als übertrieben hysterisch empfindet. Und weil sie für die Uni lernen muss. Und Patrick kennenlernt und schließlich heiratet. 
Auch die Liebesbeziehung zu Lorenzo und das schlechte Gewissen gegenüber dem Ehemann und den Kindern fand ich anfangs durchaus berührend und aus dem Leben gegriffen. Frauen Mitte vierzig, die früh geheiratet und 4 Kinder großgezogen haben (bzw. noch mittendrin sind) passiert es nun mal, dass sie sich in andere Männer verlieben. In Männer, die alles sind, was der eigene Mann nicht ist. Männer, die sie mit Aufmerksamkeit überschütten, Männer, die eine gewisse Männlichkeit und Entschlusskraft ausstrahlen und nicht nur Verständnis (denn Patrick ist ja durchaus ein Guter).
Auch dass Jeans Sohn Steven plötzlich alles nachplappert, was er in seinem neuen Ethikunterricht lernt, hat mich aufgewühlt. Stell dir vor, dein Sohn mutiert zum ultrakonservativen Frauenfeind und du kannst als Mutter nichts tun. Du kannst ihm ja kaum etwas entgegnen – denn dazu reicht dein Wortkontingent nicht. 

Dass Jean auch der 6‑jährigen Tochter keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann, dass die kleine Sonia sogar stolz ist, dass sie zu den Schülerinnen gehört, die besonders wenig sprechen – das alles hat mich am Anfang sehr für diesen Roman eingenommen.

Doch dann kippt die Handlung und VOX entwickelt sich immer mehr zum Thriller. Es ist jedoch kein subtiler Psychothriller, sondern ein Thriller, in dem ganz viel Action auf einmal passiert.  Eine Katastrophe jagt die andere – zuviel dramaturgische Zuspitzung, die – zumindest auf mich – unglaubhaft gewirkt hat und dem Buch Spannung genommen statt verliehen hat.  Das Buch wird nicht nur immer rasanter, sondern kommt gegen Ende dann auch schon fast im Drehbuchstil daher – als hätte die Autorin einen Abgabetermin zu erfüllen gehabt, der nicht verschoben werden durfte. Das Ende war für mich auch nicht wirklich logisch, wie ich zugeben muss. 

Und da fällt mir natürlich gleich wieder “Zebra im Krieg” ein.  Gern würde ich es F. nach Pančevo schicken. Aber dazu müsste es erst einmal ins Englische oder Serbische übersetzt werden .…

Das Taschenbuch in Originalsprache wurde mir im Mai 2019 in Pancevo in die Hand gedrückt — jetzt habe ich mir die deutsche Fassung aus der Stadtbibliothek Graz ausgeliehen

Titel: VOX
Autorin: Christina Dalcher
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol.
Genre: Roman (Dystopie)
Verlag: S. Fischer
Publikationsjahr: 2018
ISBN: 978–3‑1039–7407‑2 
Seiten: 400
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