ūüďė VOX

Spannung um jeden Preis?

‚ĚÄ Dieses Buch hat mir w√§hrend meines Writer-in-Residence-Aufent¬≠hal¬≠tes in Panńćevo eine dort lebende Engl√§n¬≠de¬≠rin (die ehema¬≠lige Englisch¬≠leh¬≠re¬≠rin eines serbi¬≠schen Lyrikers, mit dem ich mich angefreun¬≠det hatte) in die Hand gedr√ľckt. Und zwar mit den Worten: ‚ÄúEs ist zwar nicht grad gute Litera¬≠tur, aber das Thema hat mich echt gepackt.‚ÄĚ Nun, wenn sich eine Englisch¬≠leh¬≠re¬≠rin in Anwesen¬≠heit ihres ehema¬≠li¬≠gen Sch√ľlers, der mittler¬≠weile ein paar Lyrik¬≠preise einge¬≠heimst hat, f√ľr ihre Lekt√ľre entschul¬≠digt, dann hat das nicht viel zu bedeu¬≠ten. (Dachte ich.)

Begon¬≠nen habe ich VOX also in der Origi¬≠nal¬≠spra¬≠che, an einem Wochen¬≠ende in Panńćevo, an dem ich krank im Bett lag (das Wetter war einen Monat lang beschis¬≠sen kalt und total verreg¬≠net ‚Äď und weil es Mai war, funktio¬≠nierte auch die verdammte Fernw√§rme der Stadt nicht mehr.)Dank Fervex (einer in Serbien erh√§lt¬≠li¬≠chen Brause gegen Erk√§l¬≠tun¬≠gen) ging es mir jedoch schnell wieder besser, und so landete das Buch bald am Nachkas¬≠terl und blieb dort liegen. (In Serbien hat man nicht viel Zeit f√ľr sich, schon gar nicht, wenn alle wissen, dass du nicht ewig bleibst).

Seitdem sind nun 3 Jahre vergan¬≠gen. (Wie die Zeit rast!) Dazwi¬≠schen lag eine Pande¬≠mie und das schwarz-rote, schon etwas rampo¬≠nierte Buch wartete gedul¬≠dig in meinem Buchre¬≠gal auf mich. Ich wusste, irgend¬≠wann will ich weiter¬≠le¬≠sen ‚Äď allein schon, weil F. es mir in die Hand gedr√ľckt hat. Aber ich gebe zu: Ich lese nicht mehr gern auf Englisch. Ich hasse es n√§mlich, wenn ich auch nur ein einzi¬≠ges Wort nicht verstehe (ich bin da ein bisschen ein Nerd ‚Äď mit 20 konnte ich noch perfekt Englisch, heute strengt es mich zu sehr an.)

Kurz und gut: Ich habe mir die deutsche Ausgabe aus der B√ľche¬≠rei geholt. Dass ich mich ausge¬≠rech¬≠net jetzt an den Roman erinnert habe, hat mit meinem Thema zu tun ‚Äď im Moment besch√§f¬≠tige ich mich mit Sekten, Verschw√∂¬≠rungs¬≠theo¬≠rien, rechte Gruppie¬≠run¬≠gen und das Kippen in Dikta¬≠tu¬≠ren. Dazu passte das Buch gut.

ūüĒĖ Inhalt: Nach der Macht¬≠√ľber¬≠nahme von Pr√§si¬≠dent Bob Myers haben die Reinen das Sagen. Allen voran Rever¬≠end Carl Corbin, der daf√ľr sorgt, dass Frauen und M√§dchen nicht mehr als 100 W√∂rter pro Tag sprechen. √úberwacht wird dies mittels eines ‚ÄúArmban¬≠des‚ÄĚ, das bei √úbertre¬≠ten Strom¬≠im¬≠pulse aussen¬≠det ‚Äď anfangs noch schwa¬≠che (die es auch in sich haben), dann immer st√§rkere. Auch lesen d√ľrfen die Frauen (fast) nichts mehr, B√ľcher werden wegge¬≠sperrt, alles, was bleibt, sind die Zutaten auf der Ketch¬≠u¬≠pfla¬≠sche und Werbung. 

Auch aus dem Berufs¬≠le¬≠ben wurden die Frauen verbannt. (Wenngleich nicht ganz. Denn die niede¬≠ren Arbei¬≠ten sowie Prosti¬≠tu¬≠ti¬≠ons¬≠dienste m√ľssen unver¬≠hei¬≠ra¬≠tete Frauen √ľberneh¬≠men. Homose¬≠xu¬≠elle wurden in Straf¬≠la¬≠ger verbannt, wer sich nicht an die Gesetze h√§lt wird abgef√ľhrt und im Fernse¬≠hen blo√ügestellt).

Dr. Jean McClel¬≠lan, Neuro¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠le¬≠rin und Spezia¬≠lis¬≠tin f√ľr die Werni¬≠cke-Aphasie sowie Mutter von vier Kindern darf ihr Labor seit einem Jahr nicht betre¬≠ten, sondern schupft nun den Haushalt (wenngleich nicht perfekt, denn immer wieder vergisst sie, die Milch zu kaufen). Jeans Mann Patrick arbei¬≠tet f√ľr die Regie¬≠rung. Nicht, dass er okay findet, was passiert, aber Patrick schweigt. Da Jeans Gehalt fehlt, muss Patricks Gehalt ausrei¬≠chen (weswe¬≠gen der kaputte Venti¬≠la¬≠tor trotz Hitze vorerst nicht repariert wird.)

Als der Bruder des Pr√§si¬≠den¬≠ten sich am Kopf verletzt und ausge¬≠rech¬≠net die Werni¬≠cke Region betrof¬≠fen ist, wird Jean ‚Äúgebeten‚ÄĚ, ihre Forschungs¬≠ar¬≠beit (sie hat mit ihrem Team an einem Serum gegen die Werni¬≠cke Aphasie gearbei¬≠tet) wieder¬≠auf¬≠zu¬≠neh¬≠men.
Im Labor trifft Jean auf ihren ehema¬≠li¬≠gen Kolle¬≠gen und heimli¬≠chen Liebha¬≠ber Lorenzo, von dem sie schwan¬≠ger ist. 

W√§hrend Jean ihren Patrick mit Lorenzo betr√ľgt und dann auch noch Patricks Safe √∂ffnet (weil geheime Regie¬≠rungs¬≠un¬≠ter¬≠la¬≠gen, die mit dem Werni¬≠cke-Projekt zu tun haben, darin liegen), hat Jeans Sohn Steven (der von den Lehren des Rever¬≠end neuer¬≠dings sehr angetan ist) seinen ersten Sex mit Julia. Und weil es M√§dchen strikt verbo¬≠ten ist, die armen unschul¬≠di¬≠gen Jungs zu Sex vor der Ehe zu verf√ľh¬≠ren, zeigt Steven seine Freun¬≠din kurzer¬≠hand an (nachher tut es ihm dann aber wieder leid, weswe¬≠gen er sich auf die Suche nach ihr macht ‚Äď und dass das keine gute Idee ist, ahnt man schon ‚Ķ)

ūüí¨ Meine Meinung: Anfangs war ich sehr von diesem Roman begeis¬≠tert. Er war fl√ľssig und gut geschrie¬≠ben, und das Thema hatte es auch in sich (wie F. prophe¬≠zeit hatte). Zumal Dalcher zu Beginn viel √ľber die Freund¬≠schaft zwischen der jungen Studen¬≠tin Jean und ihrer feminis¬≠ti¬≠schen Mitbe¬≠woh¬≠ne¬≠rin Jackie erz√§hlt. Eine Freund¬≠schaft, die daran zerbricht, dass Jean keine Lust mehr hat, Jackie auf Demons¬≠tra¬≠tio¬≠nen zu beglei¬≠ten. Weil sie Jackies Aufre¬≠gung als √ľbertrie¬≠ben hyste¬≠risch empfin¬≠det. Und weil sie f√ľr die Uni lernen muss. Und Patrick kennen¬≠lernt und schlie√ü¬≠lich heira¬≠tet. 
Auch die Liebes¬≠be¬≠zie¬≠hung zu Lorenzo und das schlechte Gewis¬≠sen gegen¬≠√ľber dem Ehemann und den Kindern fand ich anfangs durch¬≠aus ber√ľh¬≠rend und aus dem Leben gegrif¬≠fen. Frauen Mitte vierzig, die fr√ľh gehei¬≠ra¬≠tet und 4 Kinder gro√üge¬≠zo¬≠gen haben (bzw. noch mitten¬≠drin sind) passiert es nun mal, dass sie sich in andere M√§nner verlie¬≠ben. In M√§nner, die alles sind, was der eigene Mann nicht ist. M√§nner, die sie mit Aufmerk¬≠sam¬≠keit √ľbersch√ľt¬≠ten, M√§nner, die eine gewisse M√§nnlich¬≠keit und Entschluss¬≠kraft ausstrah¬≠len und nicht nur Verst√§nd¬≠nis (denn Patrick ist ja durch¬≠aus ein Guter).
Auch dass Jeans Sohn Steven pl√∂tz¬≠lich alles nachplap¬≠pert, was er in seinem neuen Ethik¬≠un¬≠ter¬≠richt lernt, hat mich aufge¬≠w√ľhlt. Stell dir vor, dein Sohn mutiert zum ultra¬≠kon¬≠ser¬≠va¬≠ti¬≠ven Frauen¬≠feind und du kannst als Mutter nichts tun. Du kannst ihm ja kaum etwas entgeg¬≠nen ‚Äď denn dazu reicht dein Wortkon¬≠tin¬≠gent nicht. 

Dass Jean auch der 6‚ÄĎj√§hrigen Tochter keine Gute-Nacht-Geschichte vorle¬≠sen kann, dass die kleine Sonia sogar stolz ist, dass sie zu den Sch√ľle¬≠rin¬≠nen geh√∂rt, die beson¬≠ders wenig sprechen ‚Äď das alles hat mich am Anfang sehr f√ľr diesen Roman eingenommen.

Doch dann kippt die Handlung und VOX entwi¬≠ckelt sich immer mehr zum Thril¬≠ler. Es ist jedoch kein subti¬≠ler Psycho¬≠thril¬≠ler, sondern ein Thril¬≠ler, in dem ganz viel Action auf einmal passiert.  Eine Katastro¬≠phe jagt die andere ‚Äď zuviel drama¬≠tur¬≠gi¬≠sche Zuspit¬≠zung, die ‚Äď zumin¬≠dest auf mich ‚Äď unglaub¬≠haft gewirkt hat und dem Buch Spannung genom¬≠men statt verlie¬≠hen hat.  Das Buch wird nicht nur immer rasan¬≠ter, sondern kommt gegen Ende dann auch schon fast im Drehbuch¬≠stil daher ‚Äď als h√§tte die Autorin einen Abgabe¬≠ter¬≠min zu erf√ľl¬≠len gehabt, der nicht verscho¬≠ben werden durfte. Das Ende war f√ľr mich auch nicht wirklich logisch, wie ich zugeben muss. 

Und da f√§llt mir nat√ľr¬≠lich gleich wieder ‚ÄúZebra im Krieg‚ÄĚ ein.  Gern w√ľrde ich es F. nach Panńćevo schicken. Aber dazu m√ľsste es erst einmal ins Engli¬≠sche oder Serbi¬≠sche √ľbersetzt werden .‚Ķ

ūüďö Stadt¬≠bi¬≠blio¬≠thek Graz

Titel: VOX
Autorin: Chris¬≠tina Dalcher
√úberset¬≠zung: aus dem Ameri¬≠ka¬≠ni¬≠schen von Susanne Aeckerle und Marion Balken¬≠hol.
Genre: Roman (Dysto¬≠pie)
Verlag: S. Fischer
Publi¬≠ka¬≠ti¬≠ons¬≠jahr: 2018
ISBN: 978‚Äď3‚ÄĎ1039‚Äď7407‚ÄĎ2 
Seiten: 400
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