📘 VON HIER BETRACH­TET, SIEHT DAS SCHEISSE AUS

schwarz-rosarot

Meine persön­li­che Challenge: Mal die Seiten wechseln und bei einer Lovely­books-Leserunde als Leserin teilneh­men. Ich habe mich dann sehr schnell für einen Titel entschie­den – denn unter den vielen kitschi­gen Liebes­ge­schich­ten, stach dieses Buch sehr angenehm heraus. Und ich hatte gleich Glück: Meine erste Bewer­bung war prompt erfolgreich.

🔖 Inhalt: Ben ist 29, er hat einen ziemlich öden, wenngleich gut bezahl­ten Job, und sein Chef ist überzeugt davon, dass er für Großes bestimmt ist. Doch Ben fühlt sich inner­lich leer und ausge­brannt. “Aufste­hen, arbei­ten, Sorgen machen, sterben”. Kann das wirklich alles gewesen sein?Um sich selbst zu spüren, um nicht das Gefühl zu haben, in einer absur­den Matrix festzu­ste­cken, verletzt sich Ben regel­mä­ßig selbst – mithilfe eines Feuer­zeugs. Bens Haut weint, Ben selbst nicht. 
Bens Jugend­freund hat sich bereits aus dem Leben verab­schie­det, mit einem – wie Ben findet – völlig unspek­ta­ku­lä­ren Sturz aus dem Fenster. Nun möchte Ben ihm nachfol­gen. Aber bei seinem Abgang soll es so richtig knallen, und das nicht nur auf dem Asphalt. Vor allem aber will Ben nicht selbst Hand an sich legen. Am schöns­ten wäre es, völlig unerwar­tet, quasi aus dem Nichts heraus. Ohne Schmer­zen. Ohne dass was schief­geht. Und das bitte bald. Also lässt Ben jenen Dealer, von dem er norma­ler­weise sein Gras bezieht, einen Profi­kil­ler im Darknet anheu­ern. Ben verkauft seine Aktien und gibt sich selbst und dem Killer eine Frist von 50 Tagen.
Was macht man, wenn man weiß, dass man nur mehr andert­halb Monate zu leben hat? Nun, Ben ist nun mal Ben. Und was er wirklich gut kann, ist To-do-Listen schrei­ben.
Kurz und gut: Ben kündigt seinen Job, Ben demoliert den SUV seines Ex-Chefs, Ben schreibt ein paar “nette” Briefe, Ben mistet sein Buchre­gal aus (und nimmt dabei endlich mal keine Rücksicht darauf, was jene, die vor den restli­chen Büchern stehen werden, von ihm denken könnten), Ben besucht seine Mutter (eine Derma­to­lo­gin, die es auch nur gut mit ihrem Sohn meint), Ben verknallt sich in Emma, die Dumps­te­rin, Emma, die Ich-lebe-den-Augen­blick-Frau und besucht mit ihr ein Hippie-Festi­val. Und Ben versöhnt mit seiner wankel­mü­ti­gen Schwes­ter (nicht ohne ihrem Arsch von Freund ordent­lich eine in die Fresse zu hauen).

💬 Meine Meinung: Man merkt, dass der Autor als Comedian auf der Bühne steht, denn das Buch ist trotz des ernsten Themas ungemein witzig. Mir persön­lich war es an manchen Stellen sogar ein bisschen ZU witzig, manche Metaphern brüllen zu laut.
Noch etwas habe ich mit Bestür­zung festge­stellt: Es ist verdammt lang her, dass ich selbst 29 war. 
“Von hier betrach­tet sieht das scheiße aus” war für mich fast schon eine Art Fahrt mit dem Nostal­gie­zug, zurück in jene Zeit, als ich selbst noch in einem 40-Stunden-Job festge­han­gen bin. Dieses Soll-das-schon-alles-gewesen-sein, dieses Festste­cken in einem System, in einer Insti­tu­tion –  ich weiß noch ganz genau, ich war 29-einhalb, als ich auf der Augar­ten­brü­cke stand und beschloss: So kann’s echt nicht mehr weiter­ge­hen.
Allein schon deswe­gen hab ich diesen Ben natür­lich geliebt. Er ist ein Misan­throp par excel­lence, der wirklich alles scheiße findet. (Manche in der Lovely­books-Leserunde fanden wiederum das scheiße, das waren sicher keine Wiener:innen.)
Als Ben dann aller­dings auf dem Hippie-Festi­val landet, wurde es dafür mir zu schwarz-weiß (bzw. zu rosarot), denn Emma, die Dumps­te­rin, ist das exakte Gegen­teil von Ben und schiebt Sprüche, die direkt aus einem Esote­ri­k­rat­ge­ber stammen könnten. Da wird das In-den-Tag-leben-und-barfuß-gehen zu einem Zwangs­pro­gramm, das sich auf Dauer schlim­mer anfüh­len kann als jeder 40-Stunden-Job. 
Gut, dass es dann nicht so rosarot (und auch nicht so Boah! Geil! Krass! und BACKPFLAU­MEN UND MANDELN-mäßig) weiter­ging, denn so viel Glück wirkt dann doch immer unecht, zu synthe­tisch. Was ich mich auch gefragt hat: Warum denkt Ben nicht ein einzi­ges Mal an diesen Killer? (Ich selbst hätte ihn durch­aus schon ab Tag 40 erwar­tet … oder zumin­dest Panik bekommen.)

Aber zwischen all den lauten, lusti­gen Stellen, zwischen all dem Beat und dem Pop und den schrä­gen Metaphern, gibt es in dem Buch auch ein paar wunder­bar zarte, melan­cho­li­sche Stellen. Wie etwa jene, in der Ben und sein türki­scher Nachbar gemein­sam Çay trinken. Vor dem Haus, nur ein paar Minuten lang. Da wird nicht rumge­al­bert, da wird nicht groß geredet, da gibt’s nicht mal Small­talk. Und gerade in diesen leisen Stellen beweist der Autor, dass er nicht nur Comedian ist, sondern auch Atmosphäre herauf­be­schwö­ren kann. 

Fazit: Kalt lässt dieses Buch in keinem Fall. 
“Von hier betrach­tet sieht das scheiße aus” ist ein sehr aktuel­les Buch, ein Buch, das das Gefühl einer Genera­tion sehr gut einfängt. Und ja, ich bin überzeugt, dass es das Poten­zial zum Bestsel­ler hat. Und dass da noch weitere von Max Osswald folgen werden.
Ich selbst habe die Lektüre durch­aus sehr genos­sen – aber nun freue ich mich, wie ich zugeben muss, doch wieder auf etwas leisere Töne 🙂

Autor: Max Osswald
Titel: Von hier betrach­tet, sieht das scheiße aus
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022
Verlag: dtv
ISBN: 978–3‑4232–1999‑0
Seiten: 336
> Verlag / Leseprobe

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