📘 VON HIER BETRACHTET, SIEHT DAS SCHEISSE AUS

Titel: Von hier aus betrachtet, sieht das scheiße aus
Autor: Max Osswald

Meine persönliche Challenge: Mal die Seiten wechseln und bei einer Lovelybooks-Leserunde als Leserin teilnehmen. Ich habe mich dann sehr schnell für einen Titel entschieden – denn unter den vielen kitschigen Liebesgeschichten, stach dieses Buch sehr angenehm heraus. Und ich hatte gleich Glück: Meine erste Bewerbung war prompt erfolgreich.

🔖 Inhalt: Ben ist 29, er hat einen ziemlich öden, wenngleich gut bezahlten Job, und sein Chef ist überzeugt davon, dass er für Großes bestimmt ist. Doch Ben fühlt sich innerlich leer und ausgebrannt. “Aufstehen, arbeiten, Sorgen machen, sterben”. Kann das wirklich alles gewesen sein?Um sich selbst zu spüren, um nicht das Gefühl zu haben, in einer absurden Matrix festzustecken, verletzt sich Ben regelmäßig selbst – mithilfe eines Feuerzeugs. Bens Haut weint, Ben selbst nicht. 
Bens Jugendfreund hat sich bereits aus dem Leben verabschiedet, mit einem – wie Ben findet – völlig unspektakulären Sturz aus dem Fenster. Nun möchte Ben ihm nachfolgen. Aber bei seinem Abgang soll es so richtig knallen, und das nicht nur auf dem Asphalt. Vor allem aber will Ben nicht selbst Hand an sich legen. Am schönsten wäre es, völlig unerwartet, quasi aus dem Nichts heraus. Ohne Schmerzen. Ohne dass was schiefgeht. Und das bitte bald. Also lässt Ben jenen Dealer, von dem er normalerweise sein Gras bezieht, einen Profikiller im Darknet anheuern. Ben verkauft seine Aktien und gibt sich selbst und dem Killer eine Frist von 50 Tagen.
Was macht man, wenn man weiß, dass man nur mehr anderthalb Monate zu leben hat? Nun, Ben ist nun mal Ben. Und was er wirklich gut kann, ist To-do-Listen schreiben.
Kurz und gut: Ben kündigt seinen Job, Ben demoliert den SUV seines Ex-Chefs, Ben schreibt ein paar “nette” Briefe, Ben mistet sein Buchregal aus (und nimmt dabei endlich mal keine Rücksicht darauf, was jene, die vor den restlichen Büchern stehen werden, von ihm denken könnten), Ben besucht seine Mutter (eine Dermatologin, die es auch nur gut mit ihrem Sohn meint), Ben verknallt sich in Emma, die Dumpsterin, Emma, die Ich-lebe-den-Augenblick-Frau und besucht mit ihr ein Hippie-Festival. Und Ben versöhnt mit seiner wankelmütigen Schwester (nicht ohne ihrem Arsch von Freund ordentlich eine in die Fresse zu hauen).

💬 Meine Meinung: Man merkt, dass der Autor als Comedian auf der Bühne steht, denn das Buch ist trotz des ernsten Themas ungemein witzig. Mir persönlich war es an manchen Stellen sogar ein bisschen ZU witzig, manche Metaphern brüllen zu laut.
Noch etwas habe ich mit Bestürzung festgestellt: Es ist verdammt lang her, dass ich selbst 29 war. 
“Von hier betrachtet sieht das scheiße aus” war für mich fast schon eine Art Fahrt mit dem Nostalgiezug, zurück in jene Zeit, als ich selbst noch in einem 40-Stunden-Job festgehangen bin. Dieses Soll-das-schon-alles-gewesen-sein, dieses Feststecken in einem System, in einer Institution –  ich weiß noch ganz genau, ich war 29-einhalb, als ich auf der Augartenbrücke stand und beschloss: So kann’s echt nicht mehr weitergehen.
Allein schon deswegen hab ich diesen Ben natürlich geliebt. Er ist ein Misanthrop par excellence, der wirklich alles scheiße findet. (Manche in der Lovelybooks-Leserunde fanden wiederum das scheiße, das waren sicher keine Wiener:innen.)
Als Ben dann allerdings auf dem Hippie-Festival landet, wurde es dafür mir zu schwarz-weiß (bzw. zu rosarot), denn Emma, die Dumpsterin, ist das exakte Gegenteil von Ben und schiebt Sprüche, die direkt aus einem Esoterikratgeber stammen könnten. Da wird das In-den-Tag-leben-und-barfuß-gehen zu einem Zwangsprogramm, das sich auf Dauer schlimmer anfühlen kann als jeder 40-Stunden-Job. 
Gut, dass es dann nicht so rosarot (und auch nicht so Boah! Geil! Krass! und BACKPFLAUMEN UND MANDELN-mäßig) weiterging, denn so viel Glück wirkt dann doch immer unecht, zu synthetisch. Was ich mich auch gefragt hat: Warum denkt Ben nicht ein einziges Mal an diesen Killer? (Ich selbst hätte ihn durchaus schon ab Tag 40 erwartet … oder zumindest Panik bekommen.)

Aber zwischen all den lauten, lustigen Stellen, zwischen all dem Beat und dem Pop und den schrägen Metaphern, gibt es in dem Buch auch ein paar wunderbar zarte, melancholische Stellen. Wie etwa jene, in der Ben und sein türkischer Nachbar gemeinsam Çay trinken. Vor dem Haus, nur ein paar Minuten lang. Da wird nicht herumgealbert, da wird nicht groß geredet, da gibt’s nicht mal Smalltalk. Und gerade in diesen leisen Stellen beweist der Autor, dass er nicht nur Comedian ist, sondern auch Atmosphäre heraufbeschwören kann. 

Fazit: Kalt lässt dieses Buch in keinem Fall. 
“Von hier betrachtet sieht das scheiße aus” ist ein sehr aktuelles Buch, ein Buch, das das Gefühl einer Generation sehr gut einfängt. Und ja, ich bin überzeugt, dass es das Potenzial zum Bestseller hat. Und dass da noch weitere von Max Osswald folgen werden.
Ich selbst habe die Lektüre durchaus sehr genossen – aber nun freue ich mich, wie ich zugeben muss, doch wieder auf etwas leisere Töne 🙂

Das Buch habe ich in einer LB-Leserunde gelesen

Titel: Von hier betrachtet, sieht das scheiße aus
Autor: 
Max Osswald
Publikationsjahr: 2022
Verlag: dtv
ISBN: 978–3‑4232–1999‑0
Seiten: 336
> Verlag / Leseprobe

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