📘 HUNDE­PARK

Eine Frau – Olenka, wie wir spĂ€ter erfah­ren werden – sitzt auf einer Parkbank in Finnland. Sie erkennt die schein­bar Unbekannte, die sich ans andere Ende der Bank setzt, nicht, denn Olenka ist nicht hier, um Kontakt zu suchen. Im Gegen­teil. Sie hat sich ein Buch mitge­nom­men und raschelt mit den Seiten, um der Fremden zu signa­li­sie­ren, dass sie nicht angespro­chen werden möchte. Nicht, weil sie zum Lesen hier ist. Nein, es hat einen anderen Grund, warum Olenka in den Hunde­park kommt. 

❀ Das Buch war fĂŒr mich ein freudi­ger Überra­schungs­griff – bei meinem letzten BĂŒche­rei­be­such lag es bei den Neuerschei­nun­gen, und da es auf meiner Leseliste stand, habe ich mir das Exemplar geschnappt und in mein BĂŒcher­sa­ckerl gesteckt. 

🔖 Inhalt:
Olenka, die als Model keinen Erfolg hatte, möchte ihrer Mutter und ihrer Tante, die sich ihr beschei­de­nes Dasein mit dem Anbau von Mohn und dem Verkauf des Rohopi­ums finan­zie­ren, ein besse­res Leben bieten. Als man ihr anbie­tet, Eizel­len­spen­de­rin zu werden, ist sie froh, dass es sich bei der Agentur nicht um eine Braut­ver­mitt­lung handelt – oder gar um Organ­spen­den. Nur Snischne muss aus Olenkas Lebens­lauf raus. Snischne ist jener Ort im Donez­be­cken, in den Olenka als Kind mit ihren Eltern zieht. Nach dem Zerfall der Sowjet­union, als sich die Familie mit ukrai­ni­schen Wurzeln in Tallinn nicht mehr willkom­men fĂŒhlt, bekommt Olenkas Vater einen Anruf seines alten Schul­freun­des. Dieser verspricht, dass es nun endlich eine Möglich­keit gibt, auch einmal zu den Gewin­nern zu gehören. Doch Snischne wird fĂŒr die Familie zur Katastro­phe und Olenka zur Halbwaise. 
Jahre spĂ€ter macht Snische wieder Probleme, diesmal im Lebens­lauf der zukĂŒnf­ti­gen Eizel­len­spen­de­rin. Zu belas­tet ist die Luft in dem Kohle­ab­bau­ge­biet. Gib nie an, dass du in Snischne aufge­wach­sen bist. Oder auch in der NĂ€he von Tscher­no­byl. Schließ­lich wollen die reichen Familien aus dem Westen gesunde Kinder, mit gesun­den Genen und dichtem Haar wie aus der Scham­poo­wer­bung. Am besten von einer Eizel­len­spen­de­rin, die zur Uni geht, denn das spricht fĂŒr ihre Intel­li­genz. Sport­lich soll sie auch noch sein – und natĂŒr­lich muss die Spende­rin bewei­sen, dass auch ihre Familie körper­lich und geistig gesund ist, bis in die 3. Genera­tion, und dass sie auch das Geld nicht nötig hat. Schließ­lich soll die Spende­rin aus Überzeu­gung handeln und nicht aus Profit­gier.
Olenka spendet nicht nur, sondern steigt in dem Unter­neh­men auf. Jetzt ist sie es, die die Lebens­lĂ€ufe der Spende­rin­nen fĂ€lscht, um die westli­chen Kund:innen zufrie­den­zu­stel­len. Oder auch jene, die durch illegale GeschĂ€fte zu Reich­tum gelangten. 

Sofi Oksanen erzĂ€hlt von Ausbeu­tung. Da sind einer­seits die “Roman­tik­tou­ris­ten”, die ins Land kommen, und dann die kinder­lo­sen Familien aus dem Westen, die nur deswe­gen in die Ukraine reisen, weil die Spende­rin­nen hier keiner­lei Rechte haben. Auf der anderen Seite stehen die jungen MĂ€dchen (teilweise direkt aus den Waisen­hĂ€u­sern “gefischt”), die gegen Geld ihre Gesund­heit opfern. Oder auch mehr. Denn wer studie­ren möchte, braucht Kapital, und das gibt es in den Familien, in denen die VĂ€ter und BrĂŒder in den illega­len Bergwer­ken arbei­ten, nur selten.
Und dann gibt es da noch die Gewin­ner der einsti­gen Priva­ti­sie­rungs­wel­len, die meinen, sich mit ihrem Geld alles kaufen zu können und die mit jenen, die sich ihnen in den Weg stellen, alles andere als zimper­lich umgehen.
WĂ€hrend der Volks­zorn lĂ€ngst brodelt, flattern im Regie­rungs­pa­last die Vögel herum. Aber das, wie auch den Beginn der Kriegs­hand­lun­gen in der Ostukraine, bekommt Olenka, die mit einem falschen Pass in Finnland lebt, nur noch aus der Ferne mit. 

💬 Meine Meinung:

Hunde­park ist kein Buch fĂŒr ein entspann­tes Wochen­ende. Ganz im Gegen­teil. Das Buch wĂŒhlt auf und es macht wĂŒtend. Und ja, man muss sich schon ein bisschen konzen­trie­ren, vor allem im ersten Teil, um den Überblick zu behal­ten, denn Sofi Oksanen lĂ€sst die Ich-ErzĂ€h­le­rin in (nicht chrono­lo­gi­schen) RĂŒckblen­den erzĂ€h­len. Dabei greift sie viele brisante Themen auf, die sie erst nach und nach zu einem klaren Bild verwebt. Da muss man schon ein bisschen Geduld und vor allem Zeit am StĂŒck mitbrin­gen (also bitte nicht immer nur 3 Seiten vor dem Schla­fen­ge­hen lesen, sonst kann es passie­ren, dass man den Faden verliert).
Hunde­park ist kein rasan­ter Pagetur­ner. (Wer hier mitliest, weiß jedoch schon, dass mich das ĂŒberhaupt nicht stört.)
Letzten Endes liest man dieses Buch aber ohnehin nicht, um zu erfah­ren, wer da wen warum ermor­det hat. Hunde­park besticht viel eher durch seinen schonungs­lo­sen Blick auf die Ukraine der frĂŒhen 90er bis ins Jahr 2009 – verpackt in eine mitrei­ßende Famili­en­ge­schichte, die sich erst nach und nach entfaltet. 

Fazit: Eine Neuerschei­nung, die ich absolut empfeh­len kann. Aber Vorsicht. Das Buch macht wĂŒtend. Und man sollte Facebook & Co ausschal­ten, um nicht abgelenkt zu werden, denn das Buch will aufmerk­sam gelesen werden. 

Titel: Hunde­park
Autorin: Sofi Oksanen
Überset­zung: aus dem Finni­schen von Angela Plöger
Genre: Roman (litera­ri­scher Thril­ler)
Verlag: Kiepen­heuer & Wisch
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022 (Origi­nal 2019)
ISBN: 978–3‑462–00011‑5
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