✏️ Bleistift & Tastenschlag [#1]

aus: Puppenheim, rosarot, 2016/2022
erschienen in FLUCH’T’RAUM 11/2022

Seitdem das harp glissando mich geweckt hat, starre ich aus dem Bahnfenster.
Den ganzen Rotz der letzten 6 Monate herausschleimen und wieder ins Schreiben finden. Und das andere auf später verschieben. Flüchten, um wiederzukehren. Stadtschreiberstipendium, Pécs, 2016.
Als ich sagte: Ich fahre nach Ungarn, hat mich »mein« Junge ängstlich angesehen. Vor einem halben Jahr war Ungarn für ihn ein Fleck auf der Landkarte, Durchzugsbegiet. Er hat das Land nur unter sich rumpeln gespürt, nie gesehen. 
Mit vierzehn allein auf der Flucht, von einem Flüchtlingslager in Pakistan bis nach Graz.

Ich sitze in der Bahn und schaue für ihn aus dem Fenster. Schwemmland, Baumstümpfe, geduckte Häuser von denen die Fassade abblättert.
Seit einem halben Jahr habe ich ein halberwachsenes Kind, das zweimal die Woche zu mir kommt, zum Deutschlernen, zum Rechnenlernen, zum Essen, zum Plaudern, zum Anlehnen. 
»Mama, ich vermisse dich« schreibt er, obwohl er doch eine Mutter hat. Er erkundigt sich nach meiner Reise, nach meinem Zimmer, ob es mir gut geht. Seine Nachrichten kommen als heller Ton über den Facebook Messenger. Ich schreibe, ich sei müde. Wünsche ihm eine Gute Nacht und klappe das Buch meines Vorgängers auf, das ich vorhin im Regal über dem Sofa fand. Wenigstens ein paar Wochen lang will ich noch einmal mein altes Leben führen. Mag nicht Teilzeit-Mutter sein, nicht Geliebte. Nicht einmal Freundin, Bekannte, und ja, vielleicht nicht einmal Autorin. Autorinnen schreiben nicht, Autorinnen kümmern sich um Honorarnoten, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, geben Zugverbindungen bekannt und streichen Lesestellen  an.

Am Morgen ertrinken an den Grenzen Kinder. Oder erfrieren. Oder werden erschossen. Vielleicht sollte ich meinen Facebookzugang sperren.  Vielleicht sollte ich den Router abdrehen. Vielleicht ist W‑Lan in Artist-in-Residence-Wohnungen nicht gut.… Wie sollen wir fliehen, wir, die Übersättigten?

Was machst du dir Gedanken über einen einzigen Satz von gestern, wenn heute Kinder erschossen werden?, brüllt mich das Posting eines Bekannten (vor dem ich nicht geflohen bin) an.  Und doch ist deine Nachricht (harp glissando) mehr in meinem Kopf als die erschossenen Kinder, mehr als die ertrunkenen oder niedergetrampelten, denn das Sterben ist zur Normalität geworden und die Liebe zu einer Unmöglichkeit. Warum sonst sprecht ihr von den Kindern?  Sterben mit den Zwanzigjährigen keine Hoffnungen?  Und was ist mit den Vierzigjährigen? Habt ihr etwa Angst, öffentlich zuzugeben, euch mit euren vierzig an das Leben zu krallen? Euch einzugestehen, dass ihr gar nicht bereit wärt, zu tauschen – euer Leben gegen das eines fremden Vierjährigen?

Wir leben in Puppenwohnungen, Puppenhäusern, Puppenstädten. Lackiert in rosa Farbe. Die Kinder werden in den Kellern vergewaltigt, oben drehen sich die Windräder und erzeugen Ökostrom. Wir wollen keinen Smog, wir wollen keine Toten, wir empören uns auf unseren Facebookseiten und sehen uns Sonntagabend den Tatort an.

Ja, ich bin nach Ungarn gefahren.
»Kannst dir den Zaun anschauen«, hieß es. 

In meinem Zimmer steht ein TV-Gerät.  Wissen sie denn nicht, dass wir Reizsüchtige sind, die ihre Türen nie ganz verschließen, dass uns nicht einmal die leisesten Stöhn- und Streitlaute, die aus einem gekippten Fenster dringen, entgehen, dass wir zu tippen aufhören, nur um alles ganz genau mitzubekommen?
Heute muss ich mich selbst disziplinieren. Alle Kanäle kappen, den Router abdrehen, das Smartphone am besten gar nicht erst aufladen. Bitte entfernt die Steckdosen aus diesem Raum! Neuerdings haben sie sogar die Roaminggebühren gesenkt, sechs Cent kostet die Brücke nach Südösterreich. Ich  beschließe, sie nur in den Abendstunden zu öffnen. Rede mich auf »meine« Junges aus, die schreiben immer gegen 22 Uhr. 
Wie damit umgehen, frage ich mich. Ich, die ich immer nur für mich da war, die ich mich in der Einsamkeit und Melancholie gewiegt habe wie in einem Schaukelstuhl,  die Vorhänge vor die Fenster gezogen …

Puppenhaus.  Du lebst in einem Puppenzimmer. Du hast ein Bett, deckst dich mit zwei Decken zu. Am Abend lehnst du dich gegen die Rückenlehne und versteckst dich in einer fremden Welt zwischen Papierseiten. Wanderst durch Leben, die nicht deine Leben sind, lebst Gefühle, die nicht deine Gefühle sind.
Zuerst kamen sie und zerrten an den Gardinen. Drängten gegen Türen und Fensterläden. (Siehst du, Oma, was bringen schon Fensterläden, wenn die Welt vor deinem Haus steht?) Durch alle Öffnungen krochen sie, faulig war ihr Atem, abgerissen standen sie vor mir, zeigten auf ihre Beulen und Schürfwunden, hielten mir ihre Zahnlücken entgegen.

Puppenhaus. Puppenzimmer. Bunte Katzen aus Ton und Holz auf dem Buchregal. Um dich herum stehen sie mit Feder und Tinte und kratzen dir ihr Leben unter die Haut. 

(weiterlesen in FLUCH’T’RAUM #11)

FLUCH’T’RAUM
ist ein Feuilleton für Kultur und Gesellschaft, das seit Mai 2017 zweimal jährlich als Printversion erscheint – mit Beiträgen zu den Themen Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft. 

“Aufbruch” lautete das Thema diesmal — im Heft aubedruckt wurde – neben Texten von Anke Laufer, Steffen M. Diebold, Sophie Reyer, Peter Paul Wiplinger und anderen Autor:innen – auch “Puppenheim, rosarot” aus meinem Pécs-Tagebuch. 

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