📘 Nachrich­ten von Micah

❀ Lesemo­ti­va­tion:
Das Buch stand in der Stadt­bi­blio­thek Graz im Regal der neuen Jugend­bĂŒÂ­cher, das Cover schrie mir regel­recht entge­gen, der Klappen­text klang spannend und die paar SĂ€tze beim Aufklap­pen machten neugie­rig.
Überra­schend fĂŒr mich war dann, dass es in dem Roman um eine Sekte geht – der Klappen­text hatte nĂ€mlich in kleins­ter Weise darauf hindeu­tet. So war es also ein glĂŒck­li­cher Zufall, und wie gut, dass ich trotz Ablauf der Leihfrist (wir hatten unsere Urlaubs­reise ungeplant verlĂ€n­gert) noch in das Buch hinein­ge­le­sen habe, denn es hat mich von der ersten Seite an begeis­tert, sodass ich beschlos­sen habe, es frecher­weise mit 2 Tagen VerspÀ­tung zurĂŒckzugeben. 

🐚 Inhalt:

Sesame und Micah sind ein Liebes­paar. Es ist die ganz große Liebe, denn die beiden sind fĂŒrein­an­der bestimmt, das spĂŒren sie vom ersten Tag an. Sesame und Micah können stunden­lang mitein­an­der reden, sie erzĂ€h­len einan­der alles (selbst das, was niemand sonst wissen darf) und malen sich eine gemein­same Zukunft aus, in der sie ein CafĂ© betrei­ben. Eines, in dem niemand Hunger leiden muss, auch die Armen nicht, und in dem es von allem genug gibt, nicht nur von den wunder­ba­ren Speisen, die Micah zuberei­tet, sondern auch von den Gedich­ten, die Sesame so liebt. Denn Gedichte helfen, wenn man traurig ist, das weiß Sesame, die heimlich Lyrik­bo­xen befĂŒllt, nur zu gut aus eigener Erfahrung. 

Doch dann verschwin­det Micah eines Tages spurlos. ZurĂŒck im Haus seiner Eltern bleiben drei Mobil­te­le­fone und eine verschlĂŒs­selte Nachricht. Sesame weiß sofort, was sie zu bedeu­ten hat. Denn Micahs Eltern sind einer Sekte beigetre­ten, und der Prophet hat in letzter Zeit öfters angekĂŒn­digt, mit den Mitglie­dern in den SĂŒdkom­plex ĂŒbersie­deln zu wollen. 

Der Roman wird abwech­selnd aus der Sicht der beiden Jugend­li­chen erzĂ€hlt. WĂ€hrend Micah im Wasch­kel­ler des SĂŒdkom­ple­xes gefan­gen gehal­ten wird, wo er die weißen GewĂ€n­der der Sekten­mit­glie­der mit kaltem Wasser und einer alten Wasch­rum­pel reini­gen muss, wĂ€hrend seine eigenen Eltern immer mehr verschwin­den und Micah sich als Einzi­ger gegen den Prophe­ten auflehnt, zieht Sesame los, um ihren Freund zu suchen. Zuerst allein – denn so hat sie es von ihrer Grandma gelernt. Wenn du willst, dass was geschieht, verlass dich nur auf dich selbst und sei vorsich­tig, wem du vertraust. Aus diesem Grund lebt Sesame seit Grand­mas Tod allein – in der Garage eines verlas­se­nen Hauses, von dem niemand außer Micah wissen darf.
Doch im Laufe ihrer Suche stellt Sesame fest, dass es manch­mal durch­aus Sinn macht, sich anderen anzuver­trauen und um Hilfe zu bitten. Denn die Welt ist nicht so schlecht, wie ihre Ă€ngst­li­che Grandma es ihr beigebracht hat. 

💬 Meine Meinung
McGhee hat keinen typischen Sekten-Thril­ler mit einem fulmi­nan­ten Showdown geschrie­ben. Überhaupt erfah­ren wir von der Sekte, die Micah gefan­gen hĂ€lt, nicht viel. Das mĂŒssen wir auch gar nicht. Alles, was uns erzĂ€hlt wird: Micahs Eltern waren einmal ganz normale Menschen, mit norma­len Berufen, Menschen, die gern Brett­spiele spiel­ten und ein Glas Wein tranken. Bis sie eines Tages auf Geheiß des Prophe­ten die Bilder abnah­men, die WĂ€nde weiß strichen, ihre Jobs kĂŒndig­ten, ihr Erspar­tes ĂŒberwie­sen und auf den Tag zu warten began­nen, an dem man sie endlich abholen wĂŒrde.
Worum es in Nachrich­ten von Micah geht? Es geht um Freund­schaft. Um Liebe, um Vertrauen, aber auch um AbhÀn­gig­keit. Denn wÀhrend Sesame ihren Freun­den zu wenig vertraut und erst lernen muss, dass man nicht immer alles mit sich allein ausma­chen muss, vertrauen Micahs Eltern blind und opfern letzt­end­lich sogar ihren eigenen Sohn.
Die Spannung ergibt sich dadurch, dass wir mit den beiden Haupt­fi­gu­ren mitfie­bern. Wird Sesame Micah finden? Und wie geht es mit Micah weiter? Was wird der Prophet tun, wenn Micah weiter­hin wider­spricht?
Beson­ders faszi­niert hat mich vor allem die sprach­li­che Umset­zung. McGhee erzĂ€hlt nicht einfach nur eine Geschichte, sondern lĂ€sst die Menschen mitein­an­der inter­agie­ren. Da ist einer­seits Sesame, die ihre Lyrik­bo­xen befĂŒllt – anfangs mit Gedich­ten und schließ­lich mit den Suchan­zei­gen, auf die sie anonyme Antwor­ten erhĂ€lt, die sie durch die Tage tragen werden. Und dann ist da Micah, der sich in seiner Not an Sesame wendet. Ihren Namen ausspricht, immer wieder, und ihr erzĂ€hlt. Von den Dialo­gen mit dem Prophe­ten, dem er den Großbuch­sta­ben und die Vokale nimmt, indem er ihn nur mehr als “prpht” anspricht, und dem versteck­ten Hello Kitty-Notiz­buch, in das er nicht mehr schrei­ben kann, weil man ihm den dazu passen­den Stift wegge­nom­men hat. Und dann ist da Grand­mas letzte Botschaft an Sesame. Oder auch der kleine Nachhil­fe­schĂŒÂ­ler, der Gedichte fĂŒr Micah schreibt. Da sind James 1 und James 2, die spĂŒren, dass Sesame Hilfe braucht und sich dennoch nicht aufdrĂ€n­gen. Und Sesames Freude, die schließ­lich nicht mehr zusehen können und endlich sagen, was Sache ist. NĂ€mlich, dass man besten Freun­den die Wahrheit zumuten kann.
Es sind vor allem die liebens­wer­ten Menschen, mit all ihren Fehlern und Ängsten, mit ihrer Einsam­keit und auch ihrer Liebe zuein­an­der, die dieses Buch so zauber­haft machen.

Fazit
Nachrich­ten von Micah ist unheim­lich zart und dennoch hochemo­tio­nal, spannend und ja, auch witzig. Ein Buch, das einem regel­recht das Herz aufge­hen lĂ€sst und das ich allen empfehle, egal ob Teenager oder erwachsen. 

Titel: Nachrich­ten von Micag
Autorin: Alison McGhee
Überset­zung: aus dem Engli­schen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv
Publi­ka­ti­ons­jahr: 2022 (Origi­nal 2020)
Seiten: 256
ISBN: 978–3‑423–65037‑3

Alter: ab 14
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