📘 MIT DER GESCHWIN­DIG­KEIT DES SOMMERS von Julia Schoch

đŸ–Šïž Ein unheim­lich berĂŒh­ren­des Buch, das am 1. August in Neuauf­lage bei dtv erscheint

❀ Auf die Autorin bin ich durch die Werbung fĂŒr ihr neues­tes Buch aufmerk­sam gewor­den. Da Das Vorkomm­nis bereits im Bestand meiner BĂŒche­rei, zurzeit jedoch heiß begehrt ist, habe ich mir wĂ€hrend der Warte­zeit spontan ein Ă€lteres Buch der Autorin nach Hause geholt, das (wie ich gerade erfah­ren habe) ĂŒbermor­gen in einer Neuauf­lage bei dtv erscheint.  
“Mit der Geschwin­dig­keit des Sommers” hat mich dann auf unserer Reise durch Deutsch­land beglei­tet.  Da wir diesmal jedoch nicht wie die letzen Male an die Ost‑, sondern an die Nordsee und anschlie­ßend ĂŒber Dresden zurĂŒck­ge­reist sind, kamen wir leider nicht in die Roman­ge­gend. Was ich ein bisschen schade fand (sonst hĂ€tten wir gleich ein bisschen auf Spuren­su­che gehen können.) 

🔖Inhalt:
Eine Frau (die ErzĂ€h­le­rin) erfĂ€hrt vom Tod ihrer Schwes­ter, die sich in New York das Leben genom­men hat. Alles, was bleibt, ist eine Postkarte, die die Schwes­ter geschickt hat. Eine Postkarte, die nicht viel verrĂ€t, und die GesprÀ­che, die es im Lauf der Jahre gab. GesprÀ­che, in denen die Schwes­ter von sich erzĂ€hlte, vom Mann, von den Kindern und von den Treffen mit dem “Solda­ten”, ihrer einsti­gen Jugend­liebe (aber auch nicht der ganz großen), die nach Jahren plötz­lich wieder auftaucht und mit der die Schwes­ter eine heimli­che, aber unauf­ge­regte AffĂ€re beginnt, die ĂŒber Jahre andau­ert.
Die ErzĂ€h­lung ist in Ostdeutsch­land angesie­delt, nahe der polni­schen Grenze, wo die beiden Frauen als Offiziers­töch­ter, in einer einsti­gen Garni­son­stadt aufge­wach­sen sind. Als die Wende kommt, werden die Menschen von den UmwĂ€l­zun­gen ĂŒberrascht. So auch die Schwes­ter, so der Soldat. 

Anders als die ErzĂ€h­le­rin, die JĂŒngere, die den Absprung geschafft hat und jetzt in der Großstadt lebt und die Welt bereist, ist sie Schwes­ter nie aus der Enge heraus­ge­kom­men. Sie ist die, die geblie­ben ist, die Kinder bekom­men, die gehei­ra­tet hat, die im GeschĂ€ft des Mannes aushalf und sich die NĂ€gel lackierte. Das Haus immer nur gemie­tet, sonst mĂŒsste man zugeben, dass man tatsĂ€ch­lich vorhat zu bleiben. Und doch wird ein Schwimm­be­cken ins Gras hinters Haus gebaut, und die Jahre, sie gehen dahin.

Julia Schoch lĂ€sst die ErzĂ€h­le­rin die letzten Tage ihrer Schwes­ter zusam­men­set­zen. Vor allem das letzte Treffen mit dem Solda­ten. Denn die Schwes­ter hat ihr erzĂ€hlt, dass es ein Abschied war.  Ein Abschied, von dem der Soldat nichts wusste, denn sie hat es ihm nicht gesagt. Und doch oder gerade deswe­gen geht sie an jenem Tag weniger geduckt. Hat nicht mehr die Angst, dass jemand sie sehen könnte. So stellt es sich die Überle­bende vor, wenn sie dieses letzte Treffen zusam­men­setzt wie ein Puzzle, es immer wieder durch­denkt. Sie stellt sich vor, dass die Schwes­ter da schon alles geplant, dass sie gewusst haben muss, dass sie wegge­hen und nie mehr zurĂŒck­kom­men wĂŒrde.
“Daß sie ihn nicht mehr sehen wĂŒrde, nur darĂŒber sprach sie bei unserem letzten Telefo­nat. Sie war so ruhig. Eine Ruhe, bei der man zwangs­lĂ€u­fig auf den Gedan­ken kam, morgen könne schon wieder alles anders sein (
)

Es ist eine vorsich­tige, heran­tas­tende Sprache, mit der erzĂ€hlt wird. Denn was weiß die Überle­bende schon von ihrer Schwes­ter? Sie kann nur raten. Kann sich vorstel­len, wie es gewesen sein könnte. Wie die Schwes­ter gefĂŒhlt, was sie gedacht haben könnte.

💬 Meine Meinung
Gerade dieses Zerbrech­li­che, dieses Vage hat mich extrem berĂŒhrt. Es ist eine poeti­sche, eine melan­cho­li­sche ErzĂ€h­lung. Ein Text, der Trauer hervor­ruft und nachdenk­lich macht. Was ist Freiheit wirklich? Und denken wir unsere WĂŒnsche zu klein? Denn manch­mal hilft nicht einmal eine AffĂ€re, um jeman­den aus der trost­lo­sen Eintö­nig­keit zu retten. 

Fazit: Man sollte sich Zeit nehmen fĂŒr dieses Buch  – auch wenn es nur knapp 150 Seiten hat. Denn die Sprache ist unheim­lich schön. Um sie so richtig genie­ßen und nachhal­len lassen zu können, sollte man sich unbedingt ein paar stille Stunden reservieren. 

Titel: Mit der Geschwin­dig­keit des Sommers
Autorin: Julia Schoch
Verlag: Piper (Origi­nal 2009) / dtv 2022
Seiten: 144
ISBN: 978–3‑423–14851‑1
> Leseprobe (dtv, 2022)



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