📘 AUF SEE

Titel: Auf See
Autorin: Theresia Enzensberger

In ihrem neuen Roman setzt sich Theresia Enzensberger mit Utopien auseinander. „Auf See“ ist flott geschrieben und spannend – vor allem aber zeigt der Roman, wie eng der Wunsch nach Freiheit und die Ausbeutung von Natur und Mensch miteinander verbunden sind. 

🔖 Inhalt:

Die 17-jährige Yada wächst in Seestatt auf, einer hypermodernen Selbstversorgerinsel in der Ostsee. Der Rest der Welt ist im totalen Chaos versunken und dem Untergang geweiht – so zumindest wird es Yada von ihrem Vater erzählt. 
Doch irgendetwas läuft auf der Insel nicht so, wie es sein sollte. Zum Beispiel gibt es – abgesehen von Yada – keine anderen Kinder oder Jugendlichen. 

Yadas größte Angst besteht darin, dass sie unter derselben mysteriösen Krankheit wie ihre verstorbene Mutter leiden könnte – auch wenn sie nicht weiß, was genau mit ihrer Mutter eigentlich geschah. Aus diesem Grund wird sie panisch, als sie eines Morgens mit Schrammen am Körper aufwacht. Wieso kann sie sich an nichts erinnern? Woher kommen ihre Verletzungen?

Inzwischen draußen, in einem Berlin der Zukunft, in dem sich viele Menschen keine Wohnung mehr leisten können, während die Stadt für die Reichen zugebaut wird. 
Weil ihre Spaß-Weissagungen per Zufall eingetreten sind, wird die Künstlerin Helena als Orakel gefeiert. Das bringt zwar Geld, aber Helena möchte lieber in Ruhe gelassen werden – nicht nur von ihren Fans, sondern auch vom Kunstbetrieb, der nur noch aus purem Aktionismus besteht. Für eine Art künstlerisches Forschungsprojekt gründet Helena eine sektenähnliche Gruppe. Doch als sie am Ende des Projekts die Gruppe einfach fallen lässt, nützt der profitgierige Arthur seine Chance.

Und dann gibt es noch Helenas Archiv. Darin findet man z.B. Einträge über New Atlantis. Oder auch über Darwins verheerenden Eingriff ins ökologische Gleichgewicht einer Insel. Oder einen Eintrag über die Anfänge der Scientology Sekte und den Beginn des Neoliberalismus.

Enzensberger montiert diese 3 Stränge abwechselnd in kurzen Kapiteln aneinander. Wie ein Mosaik fügen sich die Teile nach und nach zu einem Gesamtbild – man ahnt schon vieles, und doch sieht das Bild ein wenig anders aus als angenommen. 

💬 Meine Meinung

Bis zur Hälfte des Buches war ich komplett angetan. Ich mochte die Perspektivenwechsel, durch die vagen Andeutungen kommt Spannung auf, ohne dass besonders viel geschieht – selbst die zwischengeschobenen Archiv-Kapitel sind so interessant, dass man die Handlung gerne unterbricht. (Ich habe stellenweise sogar zu googeln begonnen.) 

„Auf See“ ist weniger Thriller denn harte Gesellschaftskritik. Es geht um den Wunsch nach Freiheit auf der einen Seite und die totale Ausbeutung auf der anderen – und darum, wie das eine zum anderen führt, und das schon seit Jahrhunderten.
Enzensbergers flotter, schnörkelloser Erzählton hat mir großes Lesevergnügen bereitet, außerdem schätze ich es, wenn Rückblenden knapp zusammengefasst und nicht ausufernd erzählt werden.

Dennoch hat für mich die Dramaturgie in der zweiten Hälfte nicht mehr ganz gepasst. Da werden auf den letzten Seiten neue Perspektiven eingeführt, die es für die Geschichte nicht gebraucht hätte, während die Hauptfiguren immer mehr verblassen. Die Handlung steuert auf keinen Höhepunkt mehr zu, jede aufkommende Eskalation wird sofort im Keim erstickt.  Die Menschen arrangieren sich, und manches scheint mir tatsächlich ein bisschen zu billig aufgelöst. 

Eine ausführliche Rezension von mir gibt es auch auf roterdorn.de
Rezensionsexemplar

Titel: Auf See
Autorin: Theresia Enzensberger
Verlag: Hanser
erscheint am 22.8.2022
Seiten: 262
ISBN: 978–3‑446–27397‑9
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