📘 UND DAS UNIVER­SUM SCHWEIGT

🖊 Disku­tie­ren oder schwei­gen? – Im Strudel der Meinungen

Ein Mann und eine Frau, beide nicht mehr ganz jung, die sich im Urlaub kennen­ler­nen.
Er: ein aus Wien geflĂŒch­te­ter Autor,  der sich im Vollrausch ins Flugzeug gesetzt hat.
Sie: Freun­din von Irene. (Aber wer ist Irene? Welche Bedeu­tung hat sie?)

Johanna Wurzin­ger hĂ€tte aus diesen „Zutaten“ einen leicht verdau­li­chen WohlfĂŒhl­ro­man machen können. Da ist Viktor, der mit sich selbst und der Welt nicht mehr klarkommt und gerade seine Bezie­hung in den Sand gesetzt hat – dort Patri­zia, die alles immer unter Kontrolle haben muss, sich auf keine lĂ€ngere Bezie­hung einlas­sen kann und bei der ersten gröbe­ren Meinungs­ver­schie­den­heit davonlĂ€uft.

Ja, die Autorin hÀtte. Hat sie aber nicht.
„Und das Univer­sum schweigt“ gehört nĂ€mlich eindeu­tig nicht zu jenen Romanen, mit denen man sich gemĂŒt­lich unter die Decke kuschelt, um vor der Welt (der Impfde­batte, den Hasspos­tern, dem Klima­wan­del und dem Druck der eignen Verant­wor­tung) zu fliehen. Vielmehr zieht uns Wurzin­ger in ihrem DebĂŒt­ro­man direkt in den Strudel dieser Themen hinein – und lĂ€sst uns mal 150 Seiten lang in Viktors Haut schlĂŒp­fen und diver­sen Menschen und Meinun­gen begeg­nen, denen wir im „echten Leben“ vielleicht lieber aus dem Weg gehen. Wie klarkom­men mit all den sich wider­spre­chen­den Stimmen, die tĂ€glich auf uns einpras­seln? Wie umgehen mit Eltern, die ihr Kind nicht impfen lassen wollen, weil sie der Meinung sind, dass der Körper ohnehin alles selbst reguliert – aber im selben Atemzug in der Hauskatze der Gastge­ber eine Gefahr fĂŒr die Gesund­heit ihres Babys sehen? Was antwor­ten, wenn es heißt, Fluorid in der Zahnpasta mache uns alle zu gefĂŒgi­gen und leicht kontrol­lier­ba­ren Schafen? Was tun gegen den Wahnsinn der Esoteriker:innen auf der einen Seite und dem Fortschritts­glau­ben auf der anderen, den sich immer schnel­ler drehen­den Konsum­kreis­lauf, der nie still stehen darf, und das trotz schwin­den­der Rohstoffe und verpes­te­ter Umwelt? Wie die ErzĂ€hl­stimme ausblen­den, die immer alles zynisch kommen­tiert, die immer im Weg steht, wenn es darum geht, den Moment einfach mal zu genie­ßen? 
Als Leser:in muss man eine Entschei­dung treffen. Entwe­der man verleibt sich den Viktor als Haupt­mahl­zeit ein und liest das Kapitel in einem Rutsch, oder man teilt sich den Viktor-Teil Kapitel in kleine HĂ€ppchen ein – die ohnehin gut portio­niert in Unter­ka­pi­teln gereicht werden. 
Wer schnell unter Magen­drĂŒÂ­cken leidet, sollte in jedem Fall Variante zwei wĂ€hlen. Denn trotz des amĂŒsan­ten Tons, kann es bei manchen GesprÀ­chen doch leicht passie­ren, dass man densel­ben Knödel im Magen verspĂŒrt, wie wenn man sich die neues­ten Nachrich­ten, ein Talkrunde auf Servus TV und eine Doku ĂŒber Chemtrails auf einmal reinzieht. Man möchte wider­spre­chen. Möchte anschreien gegen den Unsinn, möchte aufste­hen, sich umdre­hen, mit einer TĂŒr knallen. 

„When IÂŽve had enough of reality, I just open a book.“ 
Dieser Spruch wird gerade in der Buchblase auf Facebook geteilt.
Ist es die Aufgabe der Litera­tur, Reali­tĂ€ts­flucht anzubie­ten? Muss immer alles schön verpackt mit einem rosa Mascherl und Erdbeer-WohlfĂŒhl­aroma daher­kom­men? 
Folgt man der zuckerl­rosa Bookbub­ble auf Insta­gram, dann bekommt man schnell das GefĂŒhl, dass ja. 
Johanna Wurzin­gers DebĂŒt ist nichts fĂŒr Leser:innen, die sich gern die Augen und Ohren zuhal­ten, sondern fĂŒr jene, die sich der Welt noch immer stellen. Die trotz Dauer­krise und Krieg noch immer das Mittags­jour­nal aufdre­hen. 
Ja, unsere Welt kann leicht dazu fĂŒhren, dass wir zynisch werden. Wer sich tĂ€glich die Nachrich­ten reinzieht, wer seinen Kopf nicht in den Sand steckt, wer die rosarote Brille stand­haft verwei­gert, bleibt nur noch der Galgen­hu­mor.
Ach, wie gut kann man diesen Viktor verste­hen!
Nur die anderen, die verste­hen Viktor leider gar nicht. Bezie­hungs­weise sie verste­hen ihn falsch und nehmen alles, was er in seinem Buch schreibt, fĂŒr bare MĂŒnze. Dabei wollte er den Spinnern doch den Spiegel vor Augen halten!

Und dann Cut. Wechsel zu Patri­zia. 
Die zweite HĂ€lfte, die Patri­zia-HĂ€lfte, flutscht runter wie warmer Griespud­ding. Nicht, weil in Patri­zias Leben alles leicht ist, aber weil Patri­zia etwas kann, das Viktor nicht beherrscht.  Warum den Vollidio­ten, der sich in einer #meetoo-Debatte als sexis­ti­sches Arsch­loch entpuppt, nicht einfach aus dem Ferien­ap­par­te­ment werfen anstatt stunden­lang mit ihm zu disku­tie­ren? Warum nicht einfach mitten auf der Autobahn ausstei­gen, wenn ein GesprĂ€ch unange­nehm wird? Warum nicht lieber eine Böschung raufklet­tern und sich zu Fuß zurĂŒck nach Wien schla­gen, anstatt sich etwas anzuhö­ren, das weh tut?

Und deswe­gen sage ich: Johanna Wurzin­ger hĂ€tte das mit dem WohlfĂŒhl­ro­man machen können. Hat sie aber nicht. Weil es den ganzen Viktor braucht, weil wir diesen Klumpen im Magen spĂŒren mĂŒssen, weil dieser Roman nur halb so inten­siv wĂ€re, wenn es da einen netten Wechsel zwischen den beiden gegeben hĂ€tte. 

Und wie passen Viktor, dessen Denken nie still­steht, und der immer auf alles eine Entgeg­nung auf den Lippen hat und Patri­zia, die einfach die TĂŒr zuschlĂ€gt, zusam­men? 
Tja, da sind wir nun beim Ende. Das ist nicht nur schön (und grad richtig kitschig), sondern enthÀlt sogar ein Rezept, wie auch wir die Welt in Zukunft besser verdauen könnten.


❀ Johanna Wurzin­ger durfte ich knapp vor dem Lockdown bei einer Lesung in der Alten Schmiede kennen­ler­nen. Damals trug sie ihre Kurzge­schichte “Gloria Mundi” vor, mit der sie den Eco-Fiction Kurzge­schich­ten-Wettbe­werb von Global 2000 gewon­nen hatte. Da mich ihre ErzĂ€hl­weise damals schon sehr angespro­chen hatte, habe ich ihren DebĂŒt­ro­man gelesen, um ihn in unserer Zeitschrift & Radies­chen vorzustellen. 

Autorin: Johanna Wurzin­ger<
Titel: Und das Univer­sum schweigt
Verlag: Ester und Salis
Publi­ka­ti­ons­jahr 2022
ISBN: 978–3‑03930–028‑0
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