📘 SIMÓN

Titel: SIMÒN
Autor: Miqui Otero

Simón wächst in einer Kneipe am Stadtrand Barcelonas auf, die seine Eltern, sein Onkel und seine Tante gemeinsam betreiben. Das Lokal zählt vor allem jene Menschen, die es im Leben nicht so leicht haben, zu seinen Stammgästen. Für Simón sind sie fast schon erweiterte Familie, schließlich helfen sie ihm sogar bei den Mathehausaufgaben – oder versuchen es zumindest. 
Simóns große Leidenschaft gilt den Büchern, die ihm sein um 10 Jahre älterer Cousin Rico vom Flohmarkt mitbringt. Vor allem die Helden Scaramouche und die drei Musketiere haben es Simón angetan. Aber auch Rico selbst, der ihn manchmal auf seine Streifzüge mitnimmt, ist Simón strahlendes Vorbild. 
Doch dann verschwindet Rico in der Johannisnacht des Jahres 1992 spurlos. Während Barcelona sich im Olympiafieber befindet, bleibt der achtjährigen Simón einsam zurück. Und nicht nur Simón – auch Ricos Mutter, Simóns Tante, leidet unter dem Verschwinden des Sohnes, über das jahrelang nicht gesprochen wird. 

Da die Familie keine Antworten bereithält, sucht Simón in den Büchern seines Cousins nach Hinweisen. Unterstützt wird er dabei von der grünhaarigen Estela, Simons erster heimlicher Liebe. Auf ihrer Suche nach Rico begegnen die beiden Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen – und finden tatsächlich einen Schatz, versteckt in den Büchern des Schneiders, von dem Simón lange glaubt, er sei ein Freund seines Cousins, und der eines Tages ermordet wird. 


Nach und nach muss Simón, der selbst gern ein strahlender Held wäre, erkennen, dass das Leben einer anderen Dramaturgie folgt als die Romane, die er so sehr liebt. Estela und er entfernen sich zunehmend voneinander, sie werden erwachsen. Als Simón in einem Nobelrestaurant eine Ausbildung zum Koch absolviert und den reichen Biel kennenlernt, startet er eine steile Karriere. Die beiden reisen um die Welt und lernen die besten Küchen kennen. Doch Simóns Höhenflug endet abrupt, als er sich mit Biels Schwester einlässt. Simón kehrt wieder nach Barcelona zurück. Zur falschen Zeit kauft er ein kleines Lokal, das er renovieren möchte, und wird zu einem der großen Verlierer der Wirtschaftskrise. Fortan muss Simón sein Geld als Bote verdienen. Seine größte Angst besteht darin, dass sein Motorroller eingehen könnte, denn dann wäre auch dieser Job dahin.
Auch in der Liebe ist Simón kein Held; wenngleich ihm die Frauen, denen er mit Liebe begegnet, allesamt als Freundinnen erhalten bleiben. Vor allem Estela, die Simón einst bitter enttäuscht hat, hält stets zu ihm. Zu ihm und auch zu dem wieder aufgetauchten Rico, der sich als noch größerer Antiheld entpuppt, als Simón es je war. 

Otero, selbst 1980 in Barcelona geboren ist, fängt das Lebensgefühl in Barcelona zwischen den Jahren 1992 und 2017 sehr präzise ein. Seine Figuren beschreibt er dabei mit viel Einfühlungsvermögen, Liebe zum Detail und vor allem literarischer Sorgfalt, selbst wenn er ihnen mit einem gewissen Augenzwinkern begegnet. 

Dass Otero seinen Held in einem dichten Figuren- und Handlungsgeflecht agieren und nicht bloß auf einer einzigen roten Linie balancieren lässt, dass er das Umfeld Simóns so fein skizziert, dass die Stadt und die Menschen, die sich in ihr bewegen, selbst zu (tragischen) Protagonist:innen werden – all das macht diesen Roman zu etwas Besonderem.

Freilich, ein bisschen Zeit und vor allem Muße und eine stille Umgebung sollte man schon mitbringen für Simón, denn Oteros Roman will mit Aufmerksamkeit gelesen werden. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer Sprache belohnt, die auf jeder einzelnen Seite aufs Neue verblüfft und bezaubert. 

📻 vorgestellt am 11.10 in 7shoG 

Titel: SIMÒN
Autor: Miqui Otero
Übersetzung aus dem Spanischen: Matthias Strobel
Verlag: Klett-Cotta
Publikationsjahr: 2022
Seiten: 448
ISBN: 978–3608980745
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