🎎 MADAMA BUTTERFLY

Oper Graz, 15. Jänner 2023

Regie: Floris Visser
Cio-Cio-San: Marjukka Tepponen
Pinkerton: Mykhailo Malafii
Suzuki: Mareike Jankowski
Sharpless: Neven Crnić
Dirigent: Gábor Káli

Ich war schon lange nicht mehr in der Oper. Sehr lange nicht – ziemlich genau 10 Jahre, um ehrlich zu sein. Was vor allem daran liegt, dass meine Liebe für Opern nicht mehr so groß ist wie vor 20 Jahren. Außerdem haben mich Opernbesuche seltsamerweise immer irgendwie unbefriedigt zurückgelassen. Vielleicht klingt Oper ja einfach besser durch das BBC-Radio als auf einem billigen Stehplatz in der Wiener Staatsoper. Dachte ich. Laut sagen darf man sowas ja nicht.
Als mir U. schrieb, dass sie gern in die Oper mit mir gehen würde – nämlich in die Mme. Butterfly –, war ich also nicht sofort begeistert. Aber dann dachte ich: Warum eigentlich nicht, ein netter Abend zu zweit wird das allemal. Erwartungen heruntergeschraubt und nach dem Umtopfen der Blumen in einen hübschen Rock geschlüpft. Schminke aufgetragen – im Nachhinein gesehen war das wohl nicht so klug. 


Marjukka Tepponen trieb mir nämlich bereits bei den ersten Tönen die Tränen in die Augen. Und ja, die Sängerin konnte mich bis zum Schluss begeistern. Niemals kippte ihre Stimme ins Schrille (und wie sie es schafft, am Rücken zu liegen und so fein zu singen, ist mir sowieso ein Rätsel).
Mykhailo Malafii bot als Pinkerton zwar ein zwar treffsicheres, aber ziemlich dünnes Stimmchen, das es nicht auf unsere Plätze schaffte. Jetzt war es U., die enttäuscht wirkte, obwohl auch sie zugeben musste: eine angenehm unschrille Madama Butterfly. Des Konsuls volle Stimme sowie die Suzuki gefiel uns beiden ausgesprochen gut.

Was – neben Marjukka Tepponens Interpretatin der Cio-Cio-San – besonders berührend war: die Inszenierung. Denn die Geschichte wurde am Bühnenrand um eine Rahmenhandlung erweitert, und diese zeigt den geraubten Sohn, der sich – angesichts eines Besuches einer Japan-Ausstellung – an seine Herkunft und den tragischen Tod seiner Mutter erinnert. Eine pantomimische Leistung der Extraklasse, die – gemeinsam mit Tepponens Stimme – dafür sorgte, dass ich schon in der Pause mit ziemlich verquollenen Augen ins grelle Licht trat.
Ob alles in Ordnung sei?, fragte mich U. besorgt. Dabei sollte wissen, dass ich anfällig für Kindheits- und Entwurzelungsgeschichten bin.
Beim Abholen der Mäntel muss ich dann überhaupt ausgehen haben, als hätte ich gerade die Scheidungspapiere überreicht bekommen. Und da ist es mir wieder eingefallen: Ich habe mich auch früher schon gewundert, warum die anderen am Schluss der Vorstellung immer so frisch geschminkt und fröhlich aus der Wäsche schauen. Da lobe ich mir das Kino, wo man am Ende unbemerkt aus einer Seitentür in die Dunkelheit verschwinden kann. Dennoch. Die Oper Graz hat eine neue Besucherin gewonnen. Muss mir nur noch überlegen, wie ich an meinen Mantel komme, ohne mich der Welt auszusetzen. Vielleicht einfach sitzenbleiben, bis alle weg sind?

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