👁️‍🗨️ ZITAT

Ein Drittel unseres kurzen Lebens verbringen wir im Schlaf, das weiß jedermann, es langt Augenmerk für die eigene Erfahrung, für die Zeit zwischen Hinlegen und Aufstehen lassen sich gut Berechnungen anstellen, abzuziehen die schlaflosen Zeiten dessen, der daran leidet, und, allgemein, die zu Übungen in der Ars amatoria nächtlich aufgewandte Zeit, die noch und immer zu geschätzten Übungen in den sogenannten toten Stunden, obschon sich ja die flexiblen Arbeitszeiten immer mehr durchsetzen, die uns, hierin in anderen Dingen offenbar, letztlich zur Verwirklichung der goldenen Träume führen, will heißen zu jenem ersehnten Zeitalter, in dem jeder tun und lassen kann, was ihm wonniglich beliebt, unter der einzigen, elementaren Bedingung, dass er das wonnigliche Belieben seiner Nächsten nicht verletzt oder schmälert. Jawohl, nichts einfacher als das, doch dass es uns bis heute noch nicht gelungen ist, unter der Menge der Fremden mit guter Gewissheit unseren Nächsten herauszufinden, beweist, sofern es nötig war, was wir aus der Überlieferung bereits wussten, dass die Schwierigkeit, das Einfache zu verwirklichen, komplexer ist als alle Handwerken und Techniken in ihrer ganzen Vertracktheit, oder, in anderen Worten, es ist einfacher, ein Elektronenhirn zu entwerfen, zu erschaffen, zu bauen und zu manipulieren, als in unserem Hirn die schlichte Art des Glücklichseins zu finden.

aus: José Saramago: Die Geschichte der Belagerung von Lissabon. Übersetzung: Andreas Klotsch, Neuauflage, Atlantis Verlag, 2018, S. 141/2
Die Originalausgabe “História do Cerco de Lisboa”,” erschien 1989 in der Editorial Caminho, Lissabon
Die deutsche Erstausgabe erschien 1992 bei Rohwohlt.



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